Märchen … Ein Rätsel

Dass die Verrätselung dem Märchen gemäß ist, weil in ihm selbst Rätsel stecken, möchte ich durch ein längeres Zitat des Indologen Heinrich Zimmer belegen:

„Märchen sind auf dem Grunde des Wunderbaren aufgebaut, es ist das Element, das ihr Gebäude trägt und seine Zinnen aufrichtet – das Wunder aber ist dem Alltag ein Rätsel. Darum spielen Rätsel eine so bedeutende Rolle in allen märchenhaften Begebenheiten; in Rätselfragen ballt sich ihr Schicksal, zieht ihr Verhängnis sich bänglich zusammen, die Lösung des Rätsels aber bringt Schicksalswende, Sieg und gutes Ende. Aber über Frage und Antwort, Rätsel und Lösung hinaus, die wie Knoten greifbar im Fädenspiel des Märchens sitzen, ist sein ganzes Gewebe voller Rätsel: die Aufgaben, die den Weg seiner Gestalten sperren, sind Rätsel, die bewältigt sein wollen, seine Situationen sind Rätsel, die, glücklich oder falsch gelöst, Befreiung oder Verhängnis bringen. […]  Der Sinn dieser Rätsel: ‚Was ist das Wirkliche, das sich im dargebotenen Schein verbirgt?‘ […] Rätsel lösen heißt den Schein zerteilen und aus dem schillernden Ineinander seiner Oberfläche den Kern des Wirklichen hervorholen, den sie verschalt.“

(Heinrich Zimmer: Vetalapantschavinsati, Der König mit dem Leichnam. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1966, S. 9* f.)

Jürgen Janning, Kuratoriumsvorsitzender der Märchen-Stiftung Walter Kahn

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