Märchentage und Preisverleihung 2019

Kurzmitteilung

Nicht nur bei den Umweltaktivisten von Fridays for Future dreht sich alles um das Klima. Auch die Märchen-Stiftung Walter Kahn befasste sich in den vergangenen Tagen bei ihren diesjährigen Märchentagen in Münsterschwarzach mit dem Thema „Wetter im Märchen“, wobei die Tagung mit der gestrigen Verleihung des Europäischen Märchenpreises 2019 an das Deutsche Märchen- und Wesersagenmuseum Bad Oeynhausen, sowie der Vergabe des Lutz-Röhrich-Preises 2019 an Dr. Dieter Brand-Kruth, in Volkach ihren Höhepunkt fand und soeben, nach vielen spannenden Vorträgen erfolgreich zu Ende ging. Ein ausführlicher Bericht folgt.

Lutz-Röhrich-Preis 2019 für Dr. Dieter Brand-Kruth

Pressenotiz, August 2019

Dr. Dieter Brand-Kruth (Foto privat)

Wer kennt sie nicht: die alt gewordenen Bremer Stadtmusikanten in Gestalt von Esel, Hund, Katze und Hahn, die keineswegs bereit sind, sich ins Altenteil abschieben oder gar töten zu lassen …
Mit seiner Dissertation „ ‚Die Bremer Stadtmusikanten‘ – eine soziokulturelle Studie“ ist der Verfasser, Dieter Brand-Kruth, zahlreichen Spuren nachgegangen, die zeigen, wie tief sich dieses Schwankmärchen im Leben, in der Geschichte, Kultur und im sozialen Miteinander auf sinnbildlicher Ebene in aller Welt verankert hat. Der Verfasser greift mit Hilfe eines umfassenden Quellenstudiums und im Rahmen der Methoden der historisch-vergleichenden Märchenforschung jenes vom Märchen vermittelte Wertesystem auf, das auf der Basis von Freiheit und Autonomie ein menschenwürdiges Leben einfordert. Er untersucht, welche Einflüsse auf das Märchen eingewirkt haben könnten und wie weit sie für ein soziokulturelles Miteinander in einer Gesellschaft dienen können. Damit umgreift er ein großes Feld an sozialen, kulturellen und politischen Interessen und Bedürfnissen einer Gesellschaft – sowohl zur Zeit der Brüder Grimm als auch der jetzigen.
Mit seinen 448 Seiten ist das vorliegende zweibändige Werk in Form einer umfassenden Monographie über KHM 27 zugleich zu einer höchst informativen Dokumentation geworden, die als Nachschlagewerk vielfältige Einblicke in die Forschungsgeschichte, in Varianten, Kontexte, Interpretationen, künstlerische Ausdrucksformen und soziokulturelle Felder ermöglicht und aktualisierend Gegenwartsbezüge herstellt, wenn es beispielsweise um Themen wie Alter, Behinderung, Flucht, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, aber auch um solidarisches Handeln geht. Eindrucksvoll sind auch im Anhang (als 2. Band) die historisch und geographisch variationsreichen Erzählstoffe und die Abbildungen zu Gemälden, Illustrationen, Skulpturen oder Cover, die sich auch in modernen Medien niedergeschlagen haben und soziale Problemfelder durchdringen.
Für diese bemerkenswerte Arbeit wird Herrn Dr. Brand-Kruth der mit 2.500 EUR dotierte Lutz-Röhrich-Preis verliehen.

Für die Märchen-Stiftung Walter Kahn: Helga Zitzlsperger (Bermatingen), Kuratoriumsmitglied

Die Preisverleihung findet am 19. September 2019 in Volkach statt.

Hier geht es zum PDF-Download der Pressemitteilung.

Europäischer Märchenpreis 2019 für das Deutsche Märchen- und Wesersagenmuseum Bad Oeynhausen

Märchenmuseum Außenansicht Foto © Sandra Sanchez, fotomobiel

Dr. Hanna Dose, Leiterin des Museums

Der renommierte Europäische Märchenpreis der Märchen-Stiftung Walter Kahn wird in diesem Jahr an ein Museum und damit verbunden auch an dessen langjährige Leiterin, Frau Dr. Hanna Dose verliehen. Damit ehrt die Stiftung, die diesen Preis zum 33. Mal vergibt, überzeugende Leistungen um eine engagierte Vermittlung von Märchen und Märchenforschung im Hinblick auf eine größere Öffentlichkeit. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert. Die Preisverleihung wird am Donnerstag, den 19. September 2019 um 18:00 Uhr im kath. Pfarrheim in Volkach (wurde verlegt! – ursprünglicher Veranstaltungsort: Schelfenhaus Volkach) bei Würzburg in festlichem Rahmen stattfinden.

Das Kuratorium der Stiftung hat sich damit für einen Sonderweg entschieden, denn mit diesem Preis wird diesmal nicht, wie sonst mehrheitlich, eine wissenschaftliche Lebensleistung, sondern gleichsam die Professionalität und Beharrlichkeit ausgezeichnet, die das Deutsche Märchen- und Wesersagenmuseum Bad Oeynhausen bis heute an den Tag legte. Es wurde 1973 eröffnet. Immer wieder (und unter verschiedenen Kustodien von Dr. Karl Paetow, Dr. Gerhard Seib und Dr. Hanna Dose) fand und findet es noch traditionelle, originelle aber auch ganz aktuelle, sowie pädagogisch durchdachte Annäherungsweisen an ein nicht nur museales, also historisches Thema. Unermüdlich wurden dabei Märchen und verwandte Gattungen in verschiedenste Formate umgesetzt: einerseits wissenschaftlich korrekt, aber eben auch künstlerisch so attraktiv, dass trotz nur minimaler Zuwendungen durch öffentliche Mittel und mehrerer Schließungsversuche das Publikum nicht ausblieb. Und dies war der Fall, obwohl in Kassel das ehemalige Grimm-Museum lockte und nun die Grimmwelt viel Publikum anzieht. In Oeynhausen sind ja auch die Akzente etwas anders gesetzt: es geht nicht so sehr um die Grimms, als vielmehr um Märchen und Sagen allgemein. Dabei wollte man vor allem kulturgeschichtlich interessierte Erwachsene, aber mit bestimmten, eher spielerischen Veranstaltungen eben auch Kinder ansprechen. So reichen die Angebote heute, basierend auf einer umfangreichen Sammlung von Bildern und Objekten zu Märchen, Sagen und mythologischen Erzählungen sowie auf einer mehr als 16.000 Bände umfassenden Spezialbibliothek aus Primär- und Sekundärliteratur über Dauer- und Wechselausstellungen, Workshops und Seminare bis hin zu regelmäßigen, vom hauseigenen Erzählkreis gestalteten Erzählstunden und kompetenten Führungen durch das gesamte Haus. Für viele Museen, die Leihgaben für Sonderausstellungen zum Thema Märchen/Sagen/Mythen etc. suchen, ist das Museum inzwischen Ansprechpartner geworden.
Am Anfang stand eine großzügige Schenkung von Dr. Karl Paetow, der seine private Märchensammlung der Stadt Bad Oeynhausen vermachte. Sein damaliges Ziel war gewesen, ein Museum zur lebendigen Tradierung der Volksmärchen und Sagen zu gründen. Es ging also nicht nur um Retrospektiven, oder um nostalgische Konservierung eines vom Vergessen bedrohten Wissens. Diesem Ziel fühlt sich das Museum – ähnlich wie die den Preis verleihende Kahn-Stiftung – bis heute verpflichtet. Es hat sich zu einem Alleinstellungsmerkmal für die Stadt Bad Oeynhausen entwickelt.
In diesem Jahr bildet die Preisverleihung den Abschluss einer von Märchenforschern der Universität Zürich ausgerichteten Tagung zum Thema „Wetter im Märchen“, die im volkachnahen Münsterschwarzach stattfinden wird.

Für die Märchen-Stiftung Walter Kahn: Prof. Dr. Sabine Wienker-Piepho, Erzählforscherin und Volkskundlerin (Univ. Jena/Freiburg), die auch die Laudatio auf das Museum und seine Repräsentantin halten wird.

Die Pressemitteilung kann hier im PDF-Format abgerufen werden.

Die Stiftung in der Weihnachtspause vom 24.12.18 bis 06.01.19

Wir bedanken uns auf diesem Wege für das erfolgreiche Jahr 2018 bei allen, die die Arbeit unserer Stiftung wertschätzen und voranbringen, sei es durch ihr Mitwirken an unseren Märchentagen, den Autoren und Lesern des Märchenspiegels und den vielen Institutionen, die wir auch in diesem Jahr bei der Umsetzung ihrer Projekte unterstützen durften.

Vom 24. Dezember 2018 bis einschließlich
06. Januar 2019 ist unser Büro nicht besetzt.

Wir wünschen eine märchenhafte Weihnachtszeit und einen schönen Jahreswechsel !

Ankündigung / Programm der Märchentage 2019

KHM 13: „Die drei Männlein im Walde“, Arthur Rackham

Unsere alljährlichen Märchentage sind in 2019 dem Thema
Wetter im Märchen“ gewidmet.
Die Tagung findet vom
18. – 20. September 2019
im Gästehaus der
Abtei Münsterschwarzach statt.

Wetter ist allgegenwärtig. Es umgibt und betrifft uns, es ist Teil der Lebens- und Erzählwelten. Das Wetter hat uns die Stimmung verhagelt, die Sonne sticht, es tost der Wind. Die Schneeflocken tanzen und leise rieselt der Schnee. Die vielfältigen sprachlichen Wetteräußerungen, die in Liedern, Gedichten und Redewendungen Eingang und ihren Ausdruck gefunden haben, machen vor den Märchen nicht halt. Wetter wird in Märchen thematisiert, wenn auch auf märchenhaftere Weise als etwa im alltäglichen Erzählen. Hänsel und Gretel reden sich mit einem Wetterphänomen heraus (Der Wind, der Wind, das himmlische Kind), die Sonne sticht nicht nur, sondern ist auch eine Kinderfresserin (Die sieben Raben). Jahreszeiten und die mit ihnen verbundenen Wettererwartungen werden personalisiert (Väterchen Frost). Vermutet man die Wettermacherinnen auf den ersten Blick in der Sage, wie etwa die Wetterhexen, so findet man eben doch auch die eine oder andere im Märchen (Frau Holle, die Schneekönigin). Wetter treibt auch die Handlung voran: Das (Un-)Wetter führt die Prinzessin auf der Erbse vor die Tür des Schlosses, die Kälte den Bären zu Schneeweißchen und Rosenroth. Wetterphänomene können sogar namensgebend werden wie bei Schneewittchen. Und ganz wunderbar und märchenhaft wird es, wenn das brave Mädchen die Erdbeeren im Schnee findet (Die drei Männlein im Walde).
Neben den wunderbaren Ereignissen und Erfahrungen werden in Erzählungen auch die schrecklichen zur Sprache gebracht. Gerade in Zeiten des Klimawandels und unter dem Eindruck starker Wetterereignisse ist das Thema ‚Wetter‘ sehr aktuell und prägt auch das heutige Erzählen. In zwölf Vorträgen und zwei Workshops folgen wir den Spuren des Wetters in Märchen und weiteren Volkserzählungen, stellen aber auch die Frage nach gegenwärtigen und aktualisierten Erzählformen. Wetter als lebensweltliche Erfahrung und als lebensweltliches Wissen wird mit den Erzählungen zusammengedacht und -gebracht.

Programm (veröffentlicht im März 2019)

Das ausführliche Programm entnehmen Sie bitte unserem Flyer.

Anmeldung

Anmeldungen sind bis zum 1. September 2019 an die Geschäftsstelle der Stiftung erbeten, gern auch per E-Mail an: maerchentage2019@maerchen-stiftung.de

Kursgebühr

Die Kursgebühr setzt sich aus der Seminargebühr in Höhe von
120,00 € (Studenten 60,00 €), sowie einer Unterbringungs-/
Verpflegungspauschale zusammen.
270 € für Seminargebühr, Unterkunft im EZ und Verpflegung.
250 € für Seminargebühr, Unterkunft im DZ und Verpflegung.
175 € für Seminargebühr und Verpflegung, ohne ÜN.
120 € für Studierende inkl. Seminargebühr, Verpflegung und ÜN
bei Unterbringung im Mehrbettzimmer.

Veranstalter
Märchen-Stiftung Walter Kahn, Postfach 1130, 97326 Volkach,
Tel. +49 9381 5764490; Fax +49 9381 5764491

Organisation
Die inhaltliche Konzeption liegt bei Dr. Simone Stiefbold vom Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich.

Link zur Pressemitteilung.

Bericht zu den Märchentagen 2018

Das Thema der diesjährigen Märchentagung der Kahn-Stiftung in Münsterschwarzach bei Volkach war „Alter und Märchen“. In den Vorträgen und den Workshops wurden verschiedene Aspekte zum Thema dargestellt. So ging es neben dem Thema „Alte Leute im Märchen“ um Verjüngungsritutale, um das Alter der Märchenbeiträger oder um die berühmte Rede von Jakob Grimm über das Alter. Dabei wurden nicht nur die Grimmschen Märchen analysiert, sondern auch Ausblicke in andere Länder und Kulturen geboten. Die inhaltliche Konzeption lag bei Prof. Harm-Peer Zimmermann (Zürich).

Den Anfang machte Prof. Hans-Jörg Uther (Göttingen) mit seinem Vortrag „Alterstypologien in der europäischen Volkserzählung“. Hier stellte er verschiedene, besonders in der Gattung Märchen vorkommende alte Leute vor, welche gleichsam Stereotypen darstellen und insofern auch mit formelhaften Beiwörtern beschrieben werden. Diese Alten können als Antagonisten, z. B. Hexen, Jenseitswesen wie Zwerge oder als Helfer, welche häufig alte Frauen oder Männer sind, auftreten. Mit den alten Leuten kann der Generationenkonflikt dargelegt werden, wie beispielsweise im Märchen KHM 78 „Der alte Großvater und sein Enkel“ oder KHM 27 „Die Bremer Stadtmusikanten“. In Schwänken wird über die Alten gelacht. Uther verwies auch noch auf weitere Varianten des Alters und des Alterns in Volkserzählungen und darauf, dass sich diese Stereotypen noch in zeitgenössischen Narrativen niederschlagen.
Im Vortrag von Dr. Wolf-Gerrit Otto (Leipzig) wurde das Märchen KHM 147 „Das junggeglühte Männlein“ monographisch behandelt und gezeigt, wie die dargestellten Verjungungsrituale sich in der heutigen Anti-Ageing-Industrie niederschlagen. Dazu wurden die drei „Hilfsmittel“, mit denen Gott den alten armen Mann verjüngt, herausgestellt: Wasser, Werkzeug und Feuer. Zu diesen fand Otto heutige Äquivalente: Wasser und z. B. Hydrotherapie; Werkzeug und z. B. Fitnessstudios oder Medikamente; und Feuer und z. B. Wärmeanwendungen. Dieser Märchentyp zeigt auch die Hybris des Menschen, der Gott nachahmen will. Außerdem greift die Geschichte das Problem der Altersarmut auf, welches gerade heute wieder aktuell ist.
Der Vortrag von Prof. Alfred Messerli (Zürich) behandelte das Märchen KHM 176 „Die Lebenszeit“. Bei dieser Erzählung stellte sich für den Referenten auch die Genre-Frage. Zu welcher Gattung gehört es? Märchen, Fabel, Schwank? Es vereint Motive aus mehren Genres und weist dabei verschiedene Motivationen auf wie die Gier oder den Wunsch des Menschen nach einer bestimmten Lebensdauer.Demgemäß zeigt das Märchen folgende Gliederung der Lebenszeit auf: der letzte Lebensabschnitt beginnt nach den 30 Jahren als Mensch, dann folgt ein Leben, das dem des Esels, des Hundes und schließlich dem des Affen gleicht. Eine Allegorie die sich mit diesen und teils anderen Tieren immer wieder auch in alten Kirchenschnitzereien und -bildern wieder findet.
Prof. Dr. Helmut Fischer (Hennef bei Bonn) ging in seinem Vortrag nicht auf das Alter im Märchen ein, sondern zeigte auf, dass oft „alte Leute als Zeugen für die Glaubwürdigkeit in Alltagserzählungen“ herangezogen werden. Hier nahm er Bezug auf seine langjährigen Erfahrungen in der Feldforschung. Der Erzähler, der selbst häufig auch schon älter ist, erzählt nicht nur diese eine Geschichte, sondern verweist auf eine Reihe von Personen, von denen diese Geschichte stammt und so entsteht die Vorstellung von einer Erzählerkette. Bevorzugt werden Großeltern in diesem Zug genannt. Im Sinne der Glaubwürdigkeit der Erzählung wird so besonders auf alte Menschen hingewiesen, besondere Ereignisse oder Gegenstände werden danach wieder der Gegenwart zugeordnet.
Abgeschlossen wurde der Tag mit der Märchenerzählerin Antje Horn aus Jena, die von Klaus Wegener auch musikalisch begleitet wurde. Sie erzählte im Sinne des Tagungsthemas Märchen von alten Weibern und weisen Frauen.

Der Donnerstag startete mit einem Vortrag von Prof. Holger Ehrhardt (Kassel), der sich mit dem Thema des Alters der Märchenbeiträger der Grimms beschäftigte. Diese waren, entgegen den Klischees, eher jung als alt, im Durchschnitt dreißig Jahre. Auch die Brüder Grimm selbst waren ja zu Beginn des Märchensammelns noch jung (zweiundzwanzig und einundzwanzig Jahre). Auch seien die Angaben, die die Grimms zu ihren Gewährspersonen machten, eher vage gewesen. Somit ist auch heute, nach vielen Forschungen, nicht das gesamte Beiträgernetzwerk bekannt. Von diesen Informanten lassen sich mehrere Gruppen, die Märchen beisteuerten, ausmachen. Durch die Bekanntmachung von Dorothea Viehmann und ihrem Bild ab der 2. Auflage wurde zusätzlich Verwirrung gestiftet. Hier fügt sich auch die immer noch verbreitete falsche Vorstellung ein, die Grimms hätten selbst klassische Feldforschung betrieben. Das ist bekanntermaßen nicht richtig, da in den meisten Fällen die Erzähler und Erzählerinnen zu ihnen kamen oder gar schriftlich zugearbeitet wurde.
Der Vortrag von Dr. Simone Stiefbold (Zürich) „Das Alte im Gewand des Jungen: Altersvers und Wechselbalg“ beschäftigte sich mit einem sagen- und märchenhaften Wesen, welches häufig wie ein Säugling aussieht, aber eigentlich schon uralt ist. Bei dem Versuch, den Wechselbalg als solchen auffliegen zu lassen, indem man ihn zum Lachen oder zum Staunen bringt, bis das Wesen endlich (meist in Versen) spricht, erkennt man manchmal dessen wahre Identität. Dabei zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen Jungen und Alten sowie menschlichen und nichtmenschlichen Altersvorstellungen und vielleicht auch die historisch verbürgte Angst vor Säuglinsvertauschungen oder -unterschiebungen.
Nachdem die Referate sich bis zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich mit den Grimmschen Märchen beschäftigt hatten, ging es im Vortrag von Prof. Gudula Linck (Freiburg) um „Wege chinesischer Märchen“ und deren altersspezifische Erzählstoffe. Linck stellte dabei verschiedene Varianten und Parellelen derjenigen chinesischen Volksmärchen vor, welche von den unterschiedlichsten Glaubensströmungen und Lehren in China geprägt sind. Am Beispiel des international verbreiteten, sogenannten „Sintflutmotivs“ verdeutlichte die Sinologin die moralische Intention: Ein kleiner Junge hilft einer alten Bettlerin und dessen ganze Familie wird dafür belohnt. Hier kommen die kindliche Pietät und auch das Mitleid mit Tieren zur Sprache. Eine spätere literarische Bearbeitung des achtsamen Umgangs mit Tieren wurde von der Referentin am Fuchsgeistmotiv dargestellt: ein Fuchs kann sich nach hundert Jahren in eine schöne Frau verwandeln. Dabei spielt die damalige Verteufelung der Sexualität und die entsprechende Unterdrückung der Frau eine Rolle. Ein weiterer Aspekt war die Bearbeitung des Einsiedlermotivs mit der Suche nach dem philosophischen Ideal der Mitte. Zuletzt ging es um den Riesenvogel Peng, der mit dem Phönix aus unserer Kultur vergleichbar ist und damit das Thema von Alter, Tod und Wiedergeburt berührt.
Der nächste Vortrag „Über Väter in polnischen Volksmärchen aus Masowien“ stammte von der Erzählforscherin Katarzyna Grzywka (Warschau). Über die text‑
immanente quantifizierende Analyse von dreiundvierzig Volksmärchen, in denen Väter auftreten, ermittelte sie typische Vaterrollen in Märchen und stellte Fragen wie: Wer sind sie, was machen und wie agieren diese „Alten“? Die größte Gruppe bildeten Könige und die zweitgrößte Bauern oder Väter, deren sozialer Status nicht angegeben wird. Bei den Fragen nach dem Wie und nach dem Was klassifizierte sie drei Gruppen: Distanzierte Egoisten, fürsorgliche Betreuer und rücksichtslose Bewegungs- bzw. Handlungsauslöser. Wobei Töchter häufig Könige, die distanzierte Egoisten waren, zu Vätern hatten und Söhne Väter von eher niedrigem Stand, die aber fürsorglich waren.
Danach folgte der Vortrag „Die Jungen und die Alten in den tschechischen Märchen von Božena Němcova“ von Dr. Lubomir Sůva (Göttingen). Dafür stellte er Němcova und ihre für die Tschechische Nationalentwicklung wichtigen Märchen vor. Hier sind die Helden zumeist junge intelligente Frauen. Der Referent stellte zudem verschiedene Märchen vor, die Jugend und Alter thematisieren, z. B. „Kača und der Teufel“, in dem eine alte Jungfer eine große Rolle spielt oder „Die sieben Raben“, wo es eine junge, kluge Heldin gibt.
Daraufhin folgten wie jedes Jahr die Workshops. Uthers Veranstaltung galt dem Thema „Die Narren und Weisen. Alte Leute in Volkserzählungen“, während sich die Erzählforscherin Dr. Harlinda Lox (Gent) dem Thema „Verjüngungsrituale in der narrativen und visuellen Ikonographie“ zuwandte. Lox‘ didaktische Herangehensweise fokussierte den Motif- und den Typenindex. Mit Hilfe dieser Indices finden Fachleute die unterschiedlichsten Verjüngungsrituale, von denen einige schon häufiger während der Tagung erwähnt worden waren, wie das Wasser des Lebens oder die Altweibermühle. Bemerkenswert erschien Lox und den Teilnehmenden, dass der Verjüngungsvorgang nur wenig und ohne Emotionalität beschrieben wird. Nicht nur in den Texten sondern auch in Bildern werden Verjüngungen dargestellt wie z. B. der Jungbrunnen von Cranach. Leider war für die Bildbeispiele nicht mehr genügend Zeit.

An diesem Abend fand im nahen Volkach dann der Festakt zu den Preisverleihungen der Märchen-Stiftung Walter Kahn statt. Der „Europäische Märchenpreis“ wurde Prof. Dr. Juha Pentikäinen (Helsinki) für seine lebenslange Leistung in der Erzähl- und Märchenforschung verliehen [wir berichteten ausführlich im Märchenspiegel 3/18]. Der „Lutz-Röhrich-Preis“ für die beste studienabschließende Arbeit ging an Dr. Acakpo Constant Juladie Sedote (Bamberg) für seine Dissertation „Han oder Volksgesänge: Populare Lieder als Indikatoren für Weltanschauung und Glaubensvorstellungen der Mahi (Benin)“. Der „Gesonderte Förderpreis“ ging an Dr. des. Zhizi Yang (Beijing) für ihre Dissertation „Märchenadaptionen in Romanen und Novellen von Christoph Martin Wieland bis zu Thomas Mann – eine exemplarische Untersuchung“.

Am nächsten Tag ging es weiter mit Märchen aus anderen Ländern. In Dr. Angelika Hirschs Vortrag „Von Vätern und Ahnen – Ein norwegisches Märchen als Hort germanischer Mythologie“ wurde das Märchen „Der siebte Vater im Haus“ in den genaueren Fokus genommen. Die Vortragende nahm es als Beispiel für den Nachweis, wie sich in diesem Märchen Vorstellungen der Germanen konserviert hatten. Im Sinne der mythologischen Schule des 19. Jahrhunderts sah sie in diesem Text das germanische Familienbild der Großfamilie mit dem Vater als Oberhaupt gespiegelt, und erinnerte an die Seelenvorstellungen der Germanen, dass Seelen auf die eine oder andere Art weiter leben, sowie an die Vorstellungen von der Gleichzeitigkeit von Lebenden und Toten. Diese Motive der germanischen Mythologie zögen sich Hirschs Auffassung nach bis heute durch so ein nordisches Märchen.
Im Anschluss folgte der Vortrag von Prof. Sabine Wienker-Piepho (Jena/Freiburg) zum Thema „Alter und Altern in Sprichwort und Märchen. Widerspruch, Sinn und Unsinn sprachlicher Fertigware“. Dafür folgte sie der Definition, dass Sprichwörter festgefügte formelhafte Sätze sind, deren Herkunft anonym ist. Die Anonymität und Mündlichkeit teilt diese Gattung mit der der Märchen. Zum Alter gibt es sowohl negativ als auch positiv konnotierte Sprichwörter. Sie können die Altersleiden oder den Jugendwahn oder die Weisheit des Alters wiedergeben. Ein beliebtes Beispiel stellen die Lebensstufen dar, auf die sich auch die Sprichwörter berufen. Sie sind nie wertneutral, sondern geben die Urteile und sehr differenziert die unterschiedlichsten Stereotypen zum Thema Alter und Altern wieder.
Den Abschluss bildete Prof. Dr. Harm-Peer Zimmermann (Zürich) mit seinem Vortrag „Jacob Grimm: Über das Alter“. Er bezog sich darin auf die Rede von Jakob Grimm und auf dessen Ausspruch: „Je älter ich werde, desto demokratischer gesinnt bin ich“. Für Jakob Grimm stellte das geistige Arbeiten Lebenssinn dar. Dies spiegelt sich in seinem Alters- und Selbstverständnis wie auch im Wissenschaftsverständnis, und war zentral für seine gesamte Lebensauffassung. Die Wissenschaft sollte dabei auch lebendiger werden. Nach Auffassung des Referenten sei dies heute in Grimms Sprache deutlich sichtbar. Grimms Forderungen seien erste Ansätze zu einer Art der „kulturwissenschaftlichen Gerontologie“. Die Vielfalt, mit der zu unterschiedlichen Orten und Zeiten das Alter und Altern angesehen wurde und bis heute wird, solle – so Zimmermann – endlich noch gründlicher erforscht werden. Für Grimm hätten alle drei Teile Arbeit, Leben und Sprache ein Ganzes gebildet. Die Altersfrage könne man nach Grimm mit dessen vorbildlich „demokratischer“ Altersweisheit lösen. Jacob Grimms Ansichten zum Alter heben sich vom Stereotyp des gebrechlichen Alten ab. Sie zeigen vielmehr ein am Leben aktiv mitwirkendes Altenbild.
Auf der Tagung konnten viele neue Einblicke gewonnen werden, die durch die Vorträge, Workshops und anschließenden Diskussionen aber auch durch die Gespräche mit anderen Teilnehmenden gewonnen wurden. Als Studierende der Volkskunde/Kulturgeschichte der Universität Jena danke ich den Veranstaltern der Märchentagung für die Gelegenheit, diese neuen Erfahrungen, Eindrücke und Anregungen sammeln zu dürfen.

Marlene Brenner, Jena

Hier ein paar Eindrücke von der Preisverleihung am 20.09.2018

Hier geht es zur Laudatio von Prof. Dr. Tarmo Kunnas auf Prof. Dr. Juha Pentikäinen.

Zur Laudatio von Gundula Hubrich-Messow auf auf Dr. Acakpo Constant Juladie Sedote.

Zur Laudatio von Helga Zitzlsperger auf Dr. des. Zhizi Yang.

 

Lutz-Röhrich-Preis für Dr. Acakpo Constant Juladie Sedote, Gesonderter Förderpreis für Dr. des. Zhizi Yang

Pressenotiz, August 2018

Den Lutz-Röhrich Preis erhält in diesem Jahr Herr Dr. Acakpo Constant Juladie Sedote (Bamberg) für seine exzellente Dissertation mit dem Titel „Hàn oder Volksgesänge: Populäre Lieder als Indikatoren für Weltanschauung und Glaubensvorstellungen der Mahi (Benin)“ am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie der Universität Bamberg.
Der Germanist und Kulturwissenschaftler skizziert zuerst Geografie, Geschichte, Sozialstruktur, Sprache dieser schriftlosen Volksgruppe aus seinem Heimatland Benin und geht auf die indigenen Dimensionen ihres Liedgutes ein, bevor er ausführlich ein Korpus von gut fünfzig Volksgesängen präsentiert. Dabei ordnet er die Lieder den verschiedenen Stationen und Situationen des menschlichen Lebens zu und erörtert außerdem ihre möglichen sozialen Funktionen und die sich darin spiegelnde kulturelle Identität und Authentizität.

Für die Märchen-Stiftung Walter Kahn: Dr. Gundula Hubrich-Messow (Sterup), Jurymitglied

Den Gesonderten Förderpreis erhält Frau Dr. des. Zhizi Yang (Beijing, China) mit ihrer ungewöhnlichen Dissertation: „Märchenadaptionen in Romanen und Novellen von Christoph Martin Wieland zu Thomas Mann – eine exemplarische Untersuchung“ an der Georg-August-Universität Göttingen.
In einem weiten Bogen von der Aufklärung des 18. bis zur Moderne des 20. Jahrhunderts spürt sie in ebenso virtuoser wie sensibler Weise an Werken von Wieland, Novalis, Chamisso, Storm, Andersen und Mann Spannungen auf, die an den Darstellungsformen der Romane und Novellen und an unterschiedlichen Märchenadaptionen darin wahrnehmbar sind. Sie untersucht die intertextuellen Verhältnisse der Erzähltexte und feilt heraus, dass Märchenadaptionen ein gezieltes Verfahren der literarischen Moderne seien.

Für die Märchen-Stiftung Walter Kahn: Helga Zitzlsperger (Bermatingen), Kuratoriumsmitglied

Die Preisverleihung findet am 20. September 2018 in Volkach statt.

Hier geht es zum PDF-Download der Pressemitteilung.

Europäischer Märchenpreis 2018 für Prof. Dr. Juha Pentikäinen

Der renommierte Europäische Märchenpreis der Märchen-Stiftung Walter Kahn geht in diesem Jahr an den finnischen Forscher Prof. Dr. Juha Pentikäinen.

Das Kuratorium hat sich damit wieder für die Internationalität dieser Forschungsrichtung entschieden. Überreicht wird die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung am 20. September 2018 in Volkach bei Würzburg. Um 18 Uhr beginnt die Feier, die Laudatio wird sein namhafter Kollege, der Literaturwissen-
schaftler und Philosoph Prof. Tarmo Kunnas (em. Universität Jyväskylä) halten.

Die Option für den diesjährigen Preisträger folgt einer mehr als zwanzigjährigen Tradition, auf die dieser Preis mittlerweile zurückblicken kann. Verliehen wurde er an Persönlichkeiten aus aller Welt, die sich in herausragender Weise und oft lebenslang um die Erforschung und Pflege der europäischen Märchen- und Sagentradition verdient gemacht haben. Das bedeutet heute auch, dass sie im Sinne der UNESCO den Erhalt des überlieferten europäischen Märchen- und Sagengutes als Welterbe unterstützt und in die Praxis umgesetzt, sowie das Märchen- und Sagengut in der Öffentlichkeit gepflegt haben.

Der diesjährige Preisträger ist Religionswissenschaftler, Kulturanthropologe und Folklorist. Er wurde 1968 in Turku promoviert mit einer Arbeit zum Thema Nordic Dead Child Tradition. Er gründete und leitete das an der Universität Helsinki etablierte Fach Religionswissenschaften. Zudem war er Gründungsmitglied von und Professor an der norwegisch-samischen Universität von Tromsø. Seit seiner frühesten Jugend hat Prof. Pentikäinen in Ostrobottnien, Lappland und Ungarn Feldforschung betrieben. Ein interdisziplinäres Projekt zu Schamanismus und Arktischer Identität am Centre for Advanced Studies der Norwegischen Akademie der Wissenschaften machte ihn weltbekannt. Er war Funktionsträger in den verschiedensten Organisationen der UNESCO, sowie in zahlreichen Gelehrtengesellschaften (u.a. Folklore Fellows, Helsinki). Zuletzt fungierte er als Hauptherausgeber der neuaufgelegten Encyclopaedia of Religion (2005), zuständig vor allem für den Bereich Arktische und Uralische Religionen. 2008 wurde er emeritiert. Er wirkte zudem als Professor für Ethnographie
des Nordens an der Universität von Lappland im finnischen Rovaniemi und hatte Gastprofessuren in den USA inne.

Als „Advanced Scholar of Shamanism“ erhielt er eine große Auszeichnung: den Wissenschaftsorden der International Society for Shamanic Research. Die wissenschaftliche Eigenständigkeit seiner Arbeiten über den Schamanismus zeigt sich am deutlichsten in The Shamanic Drum as a Cognitive Map (1987), in dem er die Geschichte einer Schamanentrommel und den kosmologischen Aufbau der auf der Trommel abgebildeten Figuren sowie das Weltbild der Samen untersucht. In der Enzyklopädie des Märchens kann man Näheres über sein Leben und Werk nachlesen. Besonders beeindruckte die Märchenstiftung auch die international beachteten Studien zum finnischen Nationalepos, zum Kalevala. Seine Studien beruhen meist auf empirischer Basis, wobei Feldforschungen bei indigenen Bevölkerungsgruppen im Mittelpunkt steht: wie ist schamanistische Glaubenshintergrund uralischer Ethnien und ihrer Märchen in Nordeurasien?

Seine Bedeutung für die Märchenforschung liegt vor allem in der methodischen Pionierleistung; Professor Pentikäinen ist einer der bedeutendsten Vertreter der auf die Informanten und Gewährspersonen hin orientierten sog Erzählerforschung, der die Märchen-Stiftung Walter Kahn mit ihrer Tagung: Der Mensch hinter dem Text (2014) bereits Reverenz erwies. Er wandte von Anfang an historische und geographische, sowie genre-, frequenz- und funktionsanalytische Methoden an, die er mit unterschiedlichen theoretischen Anschauungen zu einer ganzheitlichen Betrachtungsweise verbindet. Eine solch „menschennahe“ Arbeitsweise prägt P.s berühmte Studie Marina Takalonuskonto ([Die Religion der Marina Takalo], Helsinki 1971, die als Oral Repertoire and World View 1978 ins Englische übersetzt wurde), eine Langzeitstudie, für die P. jahrzehntelang die aus dem russischen Karelien vertriebene Marina Takalo interviewt hatte.

Für die Märchen-Stiftung Walter Kahn: Sabine Wienker-Piepho, (Freiburg)

Hier können Sie die Pressemitteilung im PDF-Format abrufen.

Ankündigung Märchentage 2018

Die alljährlichen Märchentage der Märchen-Stiftung Walter Kahn sind in diesem Jahr dem Thema „Alter im Märchen“ gewidmet.
Die Tagung findet vom 19. bis 21. September 2018 im Gästehaus der
Abtei Münsterschwarzach statt.Abbildung: KHM 78 „Der alte Großvater und der Enkel“; Otto Ubbelohde
Abbildung: KHM 78 „Der alte Großvater und der Enkel“; Otto Ubbelohde

Nicht wenige Märchen handeln vom Alter, und zwar in sehr vielversprechender Weise: Die Bremer Stadtmusikanten zum Beispiel sind eine Truppe von Greisen, die aktiv und erfolgreich altern. Sie rebellieren gegen ihre Altersbestimmung, indem sie etwas Neues beginnen und die vermutlich erste Alten-WG der Welt gründen. Das Märchen Der alte Großvater und der Enkel entwickelt eine ganze Altersethik in Kurzform. Man kann sagen: Märchen sind dem Alter zugeneigt, sie bevorzugen positive Altersbilder – meistens, es sei denn, es geht um alte Hexen und Bösewichte. Dann herrschen sogar extrem negative Sichtweisen auf das Alter vor: Dann erscheint es hässlich, böse, verlogen, verdrossen, starrsinnig, unverbesserlich. Die Märchentage wollen einerseits die Vielfalt von positiven und negativen Altersbildern in Märchen ausloten, und zwar am Beispiel von Märchen aus aller Welt. Andererseits wird von der vierfachen Zuneigung zum Alter die Rede sein, wie sie für viele Märchensammler typisch gewesen ist – nicht zuletzt für die Brüder Grimm. Diese haben 1. dem Alter eine bevorzugte Stellung in ihren Märchen eingeräumt; 2. das Alter der Erzählstoffe betont (bestimmte Motive sollten bis in heidnische Zeiten zurückreichen); 3. haben sie das Alter ihrer Gewährsleute hervorgehoben (obgleich die Erzählerinnen vor allem junge Leute waren); und 4. stellen wir uns die Brüder Grimm gern als gealterte Wissenschaftler vor (sie sind immer wieder als alte Leute porträtiert worden, obwohl sie zur Zeit ihrer Sammeltätigkeit 20 bis 30 Jahre alt waren). Was also hat es mit dem Alter im Märchen auf sich? Und was hat es auf sich mit der Inszenierung des Alters, wie sie sich um die Märchen herum abspielt? Diesen Fragen wird in zwölf Vorträgen und zwei Workshops nachgegangen, gehalten von Wissenschaftler/innen aus unterschiedlichen Disziplinen und aus mehreren europäischen Ländern, neben Deutschland aus Polen, Tschechien und der Schweiz. Dazu werden Märchen erzählt, die mit dem Alter zu tun haben.

Programm

Das vollständige Programm entnehmen Sie bitte dem Flyer.

Anmeldung

Anmeldungen sind bis zum 1. September 2018 an die Geschäftsstelle der Stiftung erbeten, gern auch per E-Mail an: maerchentage2018@maerchen-stiftung.de

Kursgebühr

Die Kursgebühr setzt sich aus der Seminargebühr in Höhe von
120,00 € (Studenten 60,00 €), sowie einer Unterbringungs-/
Verpflegungspauschale zusammen.
270 € für Seminargebühr, Unterkunft im EZ und Verpflegung.
250 € für Seminargebühr, Unterkunft im DZ und Verpflegung.
175 € für Seminargebühr und Verpflegung, ohne ÜN.
120 € für Studierende inkl. Seminargebühr, Verpflegung und ÜN
bei Unterbringung im Mehrbettzimmer

Veranstalter
Märchen-Stiftung Walter Kahn, Postfach 1130, 97326 Volkach,
Tel. +49 9381 5764490; Fax +49 9381 5764491

Organisation
Die inhaltliche Konzeption liegt bei Professor Dr. Harm-Peer Zimmermann vom Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich, zugleich Mitglied im Präsidium der Märchen-Stiftung Walter Kahn.

Link zur Pressemitteilung.

Lutz-Röhrich-Preis 2017 für Lina Sophie Dolfen, Gesonderter Förderpreis für Janin Pisarek

Pressenotiz, September 2017

Der Lutz-Röhrich-Preis geht in diesem Jahr an Lina Sophie Dolfen für ihre Masterarbeit 2016 im Fach Kunstgeschichte der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn mit dem Titel „Die Märchenbilder von Wassily Kandinsky. Zum Phänomen des visuellen Märchens in Kandinskys Frühwerk“.
Wenn man glaubt, alle Themen eines Fachs seien ausgeschöpft: Dem ist nicht so! Frau Dolfen bringt einen fast völlig neuen, eigenständigen, bisher kaum angerissenen Ansatz ins Spiel: Sie interpretiert die frühen Bilder Kandinskys nicht nur als Bilder – und schon gar nicht als Märchenillustrationen – sondern als eigenständige visuelle Märchen. Und sie beweist es scharfsinnig, indem sie die Kategorien des berühmten Märchenforschers Max Lüthi an Kandinskys Kunstwerke anlegt. Ein mutiges Unterfangen. Mutig erscheint auch ihre begründete, immer plausible Kritik an bisherigen kunstgeschichtlichen Interpretationen. Sich gegen etablierte Meinungen zu stellen, ist für eine Studentin eher außergewöhnlich.
Frau Dolfens echte Forschungsarbeit bereichert das Thema „Märchen“ um einen weiteren, neuen Blickpunkt. Sie hat den Preis wirklich verdient!
Für die Märchen-Stiftung Walter Kahn: Dr. Rainer Wehse (Reichertshausen), Jurymitglied

Der Gesonderte Förderpreis wird Janin Pisarek (Universität Jena; seit Anfang 2017 Keramikmuseum Bürgel) für ihre Masterarbeit 2016 „‘Wer hat Angst vorm bösen Wolf?‘ Wolf und Werwolf als Sagengestalten und im deutschen Volksglauben unter Einbezug der Rückkehr des Wolfes in Deutschland.“ verliehen.
Janin Pisarek greift ein derzeit in Westeuropa aktuelles und kontrovers diskutiertes Thema auf. Die Debatten zeugen von einer Faszination, die eine eigentümliche Mischung von Bedrohung, Angst und Lust am Wolf darstellt. Mit ihrer Untersuchung begibt sich Frau Pisarek auf die Suche nach den narrativen Vorläufern der Auseinandersetzungen mit dem Wolf und analysiert Mythen, Märchen und Sagen.
Für die Märchen-Stiftung Walter Kahn: Dr. Susanne Hose (Bautzen), Kuratoriumsmitglied

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Europäischer Märchenpreis 2017 für Dr.Nicole Belmont und Alice Joisten

Im Jahr 2017 werden zwei Französinnen mit dem Europäischen Märchenpreis der Märchen-Stiftung Walter Kahn geehrt:

Dr. Nicole Belmont (*20.11.1931)

studierte und promovierte bei dem großen Ethnologen Claude Lévi-Strauss und darf heute als führende Vertreterin der französischen Märchenforschung gelten. Sie war Forscherin am Laboratoire d‘ Anthropologie Sociale und lehrte an der Ecole Pratique des Hautes Etudes sowie in leitender Stelle an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales. Jahrzehntelang war sie eine der tragenden Säulen im Redaktionskomitee der Zeitschrift „Cahiers de littérature orale“. Sie gibt ferner die Reihe „Le Langage des contes“ heraus, in der Studien und Erzähltexte aus unterschiedlichen Kulturen veröffentlicht werden. Das wohl bedeutendste Buch aus Nicole Belmonts Feder, „Poétique du conte“ (1999), befasst sich mit der Poetik und Psychologie des Märchens und dem Verhältnis von Mythos und Märchen. Im Mittelpunkt von Belmonts Märcheninterpretationen stehen Kinderfiguren (z. B. der Däumling) und Mädchen (vgl. auch „Filles persécutées, filles mutilées, femmes“, 2001), ganz besonders auch weibliche und männliche Aschenputtelgestalten (vgl. auch „Sous la cendre“, 2007, mit E. Lemirre).
Belmonts Veröffentlichungen zur Wissenschaftsgeschichte (z. B. „Paroles païennes“, 1986; „Aux sources de l’ethnologie française“, 1995) geben Einblick in das Leben des Märchens in der traditionellen ländlichen Gesellschaft, die umfassenden französischen Sammelbewegungen und die Leistungen herausragender Sammler. Ein besonderes Verdienst kommt Nicole Belmont auch als einer Vermittlerin zwischen alter und neuer Erzählkunst zu, die ihr Wissen über traditionelle Erzählgemeinschaften im alten Frankreich und die mündliche und schriftliche Überlieferungsgeschichte des Märchens an die professionellen Erzählerinnen und Erzähler des sogenannten „Renouveau du conte“ und deren Publikum weitergibt.

Alice Joisten (*05.05.1930),

von Haus aus Musiklehrerin, hat das Werk ihres früh verstorbenen Ehemanns, des bedeutenden Sammlers Charles Joisten (1936–1981), in beispielhafter Weise und jahrelanger unermüdlicher Arbeit zugänglich gemacht. Charles Joisten hatte im französischen Alpenraum über drei Jahrzehnte hinweg Märchen und Sagen zusammengetragen. Nach seinem plötzlichen Tod begann Alice Joisten, diese zum größten Teil unveröffentlichten Aufzeichnungen zu digitalisieren und nach dem von Charles Joisten entwickelten geographischen und thematischen System zu ordnen; bis 2005 führte sie außerdem die von ihm gegründete, ethnologisch-linguistisch-historisch orientierte Zeitschrift „Le monde alpin et rhodanien“ weiter. 1996 begann die Publikationsphase der von Alice Joisten für die Nachwelt geretteten Materialien: Sie veröffentlichte den dritten Band der Märchen aus dem Dauphiné („Contes populaires du Dauphiné“, 1996), zwei Bände Märchen aus Savoyen („Contes populaires de Savoie“, 1999/2000) und fünf Bände Sagen („Etres fantastiques du Dauphiné“, 2005/2006/2007; „Etres fantastiques de Savoie“, 2009/2010; alle mit Motivklassifikationen von Nicolas Abry). Sie hat ferner Charles Joistens Studien über Hexen („Cinq figures de magiciens en Dauphiné et Savoie“, 1986) und Werwölfe („Les loups-garous en Savoie et Dauphiné“, 1992; zusammen mit dem Historiker Robert Chanaud) fertiggestellt sowie, z. T. in Zusammenarbeit mit Christian Abry, eine Reihe von Aufsätzen publiziert. Allein schon die Titel beschwören die geheimnisvoll-phantastischen und oft angstbesetzten Erzählwelten der traditionellen mündlichen Überlieferung des Alpenraums herauf. Hier nur eine kleine Auswahl, in Übersetzung zitiert: „Von den Parzen zu den Feen und anderen Wildgeistern“, 1982; „Teufels- und Hexenglauben im Tal von Freissinières“, 1987; „Das Gespräch böser Geister im Gebirge“, 1988; „Die schwarze Sage von der Alpe in Lens“, 1992; „Gargantua im Département Drôme“, 1992; „König Herodes als wilder Jäger in Savoyen und im Dauphiné“, 2001; „Melusines Kusinen in den Alpen“, 2002; „Mündliche Überlieferungen zum wandernden Juden im Dauphiné und Savoyen“, 2004.

Die Preisverleihung findet im Rahmen der Märchentage 2017 am 28. September 2017 um 18:00 Uhr im historischen Schelfenhaus in Volkach statt.

Pressemitteilung, August 2017

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Ankündigung Märchentage 2017

2017 widmet die Märchen-Stiftung Walter Kahn ihre alljährlichen MÄRCHENTAGE dem ThemaZwischen Arthaus und Traumfabrik: Der neue Märchenfilm und das neue Filmmärchen“.

Die Tagung findet vom 27. bis 29. September 2017 im Gästehaus der Abtei Münsterschwarzach statt.

„Märchen sind rebellierende und wache Geschichten, die ältesten utopischen Erzählungen“: Was der Philosoph Ernst Bloch einst über die Literaturgattung Märchen schrieb, ist auch für die Betrachtung des Märchenfilms ein Bezugspunkt. Denn dieses älteste Filmgenre, das in Georges Méliès einen seiner Väter fand, erzählt in immer wieder neuen Adaptionen und Formen Märchengeschichte(n) fort. Sei es als Reimport aus Hollywoods Traumfabrik, im Fernsehformat wie den ARD- und ZDF-Weihnachtsmärchen, im US-amerikanischen Mystery-Crime-Serienformat oder als Märchen-Parodie für TV oder Kinoleinwand. Diese kleine Auswahl zeigt, dass medial adaptierte Märchen – in welchen erzählerischen Transformationen auch immer – für verschiedene Zielgruppen konzipiert werden, unterschiedliche Medienformate bedienen, Erzählkonventionen und -schemata aufnehmen, hybridisieren und parodistisch brechen. Im Kontext der Tagung sollen neuere Verfilmungen von Literatur-, Medienwissenschaftlern und Filmschaffenden in den Blick genommen werden und auf die spezifischen Tradierungen und filmästhetischen Inszenierungen von Erzählstoffen bzw. märchenhaften Elementen in unterschiedlichen Medienformate hinterfragt werden.

Wir freuen uns auf zahlreiche, interessierte Teilnehmer.

Programm

Das vollständige Programm entnehmen Sie bitte dem Flyer zur Tagung.

Anmeldung

Anmeldungen sind bis zum 1. September 2017 an die Geschäftsstelle der Stiftung erbeten, gern auch per E-Mail an: maerchentage2017@maerchen-stiftung.de

Kursgebühr

240 € für Seminargebühr, Unterkunft und Verpflegung.
135 € für Seminargebühr und Verpflegung, ohne ÜN.
85 € für Studierende.

Veranstalter
Märchen-Stiftung Walter Kahn, Postfach 1130, 97326 Volkach,
Tel. +49 9381 5764490; Fax +49 9381 5764491

Organisation
Die inhaltliche Konzeption liegt bei Prof. Dr. Ute Dettmar und Dr. Claudia Maria Pecher vom Institut für Jugendbuchforschung der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt a. M. in Zusammenarbeit mit dem Kuratoriumsmitglied der Märchen-Stiftung Walter Kahn Prof Dr. Siegfried Becker vom Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft der Philipps-Universität Marburg.

Link zur Pressemitteilung.

Lutz-Röhrich-Preis 2016 für Ute Hager, Gesonderter Förderpreis für Florian Schütz

Pressenotiz, September 2016

Der Lutz-Röhrich-Preis geht 2016 an Ute Hager (Universität Passau) für ihre Masterarbeit 2015 mit dem Titel „Mein Haus ist draußen im dunklen Wald. Eine literaturgeographische Betrachtung der Wälder und Bäume in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm.“
Seit jeher war der Wald – einschließlich einzelner Bäume – im Märchen ein Ort, in dem Verborgenes geschieht. Er ist ein Raum gleichermaßen des Grauens und der Gefahr wie auch wesentlicher Begegnungen, Bereicherungen und Wandlungen. Nach hinführenden Details zur Erfolgsgeschichte der Kinder- und Hausmärchen wendet sich die Verfasserin – und das macht das Besondere ihrer Masterarbeit aus – einer literaturgeographischen Betrachtung zu, indem sie an etwa sechzig Wald- und vierzig Baummärchen der KHM mit detaillierten Kategorien seltsame Waldbewohner, verschiedenste Ereignisse und Verhaltensweisen analysiert. Ihr neuer Ansatz liegt als ‚spatial turn‘ in den Kulturwissenschaften: Er stellt einen Paradigmenwechsel in den Kultur- und Sozialwissenschaften dar und behandelt in dieser Arbeit explizit den literarisch – geographischen Raum als kulturelle Größe, die über die realen Erscheinungen hinaus auch Ergebnisse sozialer Beziehungen thematisiert. Die theoretisch gut reflektierte Studie verrät Mut zu einem neuen Ansatz im Rahmen einer interdisziplinären Betrachtungsweise, die von spezifischen Gestalten und Wirkungen erzählt und damit einen interessanten Perspektivenwechsel ermöglicht.

Den Gesonderten Förderpreis erhält Florian Schütz (Universität Jena) für seine Masterarbeit 2014 mit dem Thema: „Zauberfüchse zwischen Bits und Bytes. Wie viel narratives Erbe steckt in Videospielen?“
Vermutlich macht sich kaum ein Nutzer von Videospielen Gedanken über den kulturellen Hintergrund der virtuellen Figuren. Auf der anderen Seite beäugt die traditionelle Erzählforschung dieses neue Terrain eher skeptisch. Diese beiden Enden bringt nun Florian Schütz in seiner Masterarbeit mit dem Thema: „Zauberfüchse zwischen Bits und Bytes. Wie viel narratives Erbe steckt in Videospielen?“ zusammen. Auf überzeugende Weise stellt er dar, was den singulären neunschwänzigen Fuchs aus einem Tiermärchen der Brüder Grimm mit seinen zahlreichen fernöstlichen Artgenossen verbindet, wofür der junge Volkskundler in diesem Jahr mit dem Gesonderten Förderpreis der Märchen-Stiftung Walter Kahn ausgezeichnet wird.

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Europäischer Märchenpreis 2016 für Prof. Dr. Hermann Bausinger

Pressenotiz, April 2016
Prof. Dr. Hermann Bausinger (Tübingen) wird in diesem Jahr mit dem Europäischen Märchenpreis der Märchen-Stiftung Walter Kahn geehrt. Dieser Preis zeichnet eine lebenslange Leistung in Sachen Erzähl-und Märchenforschung aus und ist mit 5.000  € dotiert. Die Preisverleihung wird am 13. Oktober 2016 um 18:00 Uhr im historischen Schelfenhaus in Volkach einen festlichen Rahmen finden.

Der Preisträger ist weit über die Fachgrenzen hinaus bekannt. Als Germanist und Volkskundler waren seine wissenschaftlichen Anfänge auf der Nahtstelle zwischen diesen beiden Disziplinen angesiedelt. Gerade die Erzählforschung verdankt ihm überaus wichtige Bücher und größere Abhandlungen. Den Auftakt machte 1952 „Lebendiges Erzählen“, es folgten Studien wie „Formen der Volkspoesie“ (1968 ff.), „Redeweisen“ (1990), das „Buch der Märchen“ (1995), „Über das Hören“ (2. Aufl . 1998), oder „Märchen – Phantasie und Wirklichkeit“ (zuerst 1987).
Vielleicht noch wichtiger sind seine zahlreichen Aufsätze, etwa der zu „Aschenputtel“
oder unlängst ein weiterer zu „Märchen und Lüge“ (Schriftreihe Ringvorlesungen der Märchen-Stiftung Walter Kahn), sowie seine brillanten Beiträge zu vielen Festschriften. Bausingers Vorträge bei der Europäischen Märchengesellschaft (etwa die aus der Karlshafener Zeit) sind unvergessen. Auch außerhalb der Fachwelt haben seine Bücher große Erfolge und viele Neuaufl agen verzeichnen können, nicht zuletzt seine bahnbrechende Habilschrift „Volkskultur in der technischen Welt“ (1986).
Bausingers literaturwissenschaftliche Annäherungen an J.P. Hebel und F.T. Vischer sind längst Klassiker für die Generation der gegenwärtigen Germanistik-Studierenden (Kunst- versus Volksmärchen). Selbst wenn er alltagskulturanalytische Bestseller schrieb (wie 2011 „Wie ich Günther Jauch schaffte“, oder 2000 „Typisch deutsch“ und unlängst „Ergebnisgesellschaft“) sind das gleichsam Fußnoten zur historisch vergleichenden Erzählforschung. Bausinger hat eben nicht nur die Tübinger Schule der Empirischen Kulturwissenschaft begründet und überhaupt erst konzipiert, sondern immer auch die narrativen Genres und ihre Kontexte im Blick behalten.

Mit seiner Habilschrift Volkskultur in der technischen Welt leitete er einen Paradigmenwechsel zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Faches Volkskunde ein, einen „Abschied vom Volksleben“ und vom „Getümele“ mancher Heimat- und Brauchfanatiker. Er war der Erste, der für eine gegenwartsbezogene Alltagskulturforschung  plädierte, die auch das sog. alltägliche Erzählen einbezieht. Seine Schüler, unter ihnen etliche inzwischen Lehrstuhlinhaber an in- und ausländischen Universitäten, haben seine Anregungen aufgegriffen und weitertradiert. Bausinger gilt als einer der führenden Köpfe der deutschen Nachkriegsvolkskunde und ist als solcher nicht nur europa- sondern weltweit sehr renommiert. Gerade arbeitet der Unentwegte an seinem nächsten Buch…

Bausingers enge Bindung an die Erzählforschung zeigt sich auch in der jahrzehntelangen Mitherausgabe der berühmten Enzyklopädie des Märchens in Göttingen, für die er nicht weniger als 50 Artikel geschrieben hat (grundlegend etwa „Requisitverschiebung“, oder „Alltägliches Erzählen“). Unter seiner Ägide sind in Tübingen hervorragende studentische Abschlussarbeiten zur Märchenforschung geschrieben worden, einige wurden zum Lutz-Röhrich-Preis der Stiftung eingereicht. Er hat viele größere Preise bekommen: etwa den
Brüder-Grimm-Preis der Universität Marburg, den Ludwig-Uhland-Preis, den Justinus-Kerner-Preis und die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg.

PDF-Download: Pressemitteilung: Europäischer Märchenpreis 2016

Ankündigung Märchentage 2016

Bratenwunder, süßer Brei – oder Menschenfresserei?
Essen und Trinken im Märchen

vom 12. bis 14. Oktober 2016 in Münsterschwarzach

Foto: Bruegel, Gemälde, Das Schlaraffenland,1567

Essen und Trinken sind kulturtragende Kommunikationsformen. Man spricht darüber, man erzählt von kulinarischen Abenteuern in fernen Ländern, liebt oder verabscheut die Ethnoküche. Es gibt gerade beim Essen narrative Mechanismen, an denen Identitäten festgemacht werden, ja, das Sprechen über regionale oder nationale Spezialitäten gehört längst zu den Topoi unserer Alltagsrhetorik („managing ethnicity“). Aber nicht nur das: traditionelle Rezeptkenntnisse und Kochkünste werden von der UNESCO zum „cultural heritage“ erklärt!

Foto: Bruegel, Gemälde, Das Schlaraffenland,1567

Auch Märchen, Sagen, Schwänke, Lieder, Sprichwörter, Witze und besonders die sog. „modern urban legends“, haben Nahrungsaufnahme stets thematisiert, und gelten in diesem Sinne als kulinarische Kultur-Indikatoren. Entsprechend gelesen (oder gehört) –sagen sie viel aus über (historische) Ess- und Trinkgewohnheiten. Die Wahl des Themas war aber auch ein Sich-Verneigen vor der exquisiten Wein- und Esstradition an der Mainschleife. Kulturhistorisch ließe sich etwa fragen:

  • Was wurde wo gegessen?
  • Wie erträumte man sich die herrlichsten Mahlzeiten?
  • Woraus bestanden diese (Schlaraffenland-Utopien, die sog. „Bratenwunder“)?
  • Welche Bedeutung hatten Wein und Weinbau oder Bier und Bierbrauen? Was erzählt(e) man sich über Hunger und Durst?
  • Gab es Rituale oder Brauch-Bindungen (Hochzeitsessen, Leichenschmaus und Henkersmahlzeit)?
  • Welche Rolle spielte der Volks- oder Aberglauben?
  • Gibt es international vergleichbare Erzähltypen, Motive und Diskurse (Nahrungstabus, Vielfraß und Vieltrinker, Tischlein-deck-dich, Nahrungs-Vermehrungs-Wunder)?

Die Stiftung lädt in diesem Jahr zu einer besonders lustvollen Tagung ein. Wir freuen uns auf eine gemeinsame Diskussion dieser und weiterer Fragen.

Anmeldung

Anmeldungen sind bis zum 1. September 2016 per Briefpost, Fon, Fax oder E-Mail an die Geschäftsstellenadresse (maerchentage2016@maerchen-stiftung.de) erbeten.

Kursgebühr

230 € für Seminargebühr, Unterkunft und Verpflegung.
125 € für Seminargebühr und Verpflegung, ohne ÜN.

Veranstalter
Märchen-Stiftung Walter Kahn, Postfach 1130, 97326 Volkach,
Tel. +49 9381 5764490; Fax +49 9381 5764491

Organisation
Christine Shojaei Kawan & Sabine Wienker-Piepho

weitere Informationen und den Programmablauf entnehmen Sie bitte unserem Flyer.

 

Der Lutz-Röhrich-Preis 2015 für Caroline Hennen, Anerkennungspreis für Annika Regina Nitschke

Pressenotiz vom 03.08.2015

Foto Hennen verkleinertDer Lutz-Röhrich-Preis geht in diesem Jahr an Caroline Hennen (Universität Bonn). Sie hat sich in ihrer Examensarbeit „Märchenraum als Raumpraktik“ mit der Raumerfahrung im Märchen auseinandergesetzt und untersucht darin, Diskurse eines spatial turn in den Kulturwissenschaften rezipierend, Michel de Certeau‘s Raumtheorie in der Märchenverfilmung „Snow White and the Huntsman“ – ein spannender Zugang, und die theoretische Rahmung ist mit hohem Anspruch und auf hohem Niveau eingelöst worden. Frau Hennen konnte hier ihre Studienfächer – Germanistik mit vergleichender Literatur- und Kulturwissenschaft sowie Kulturanthropologie/Volkskunde – produktiv verbinden und für eine sorgfältige medienwissenschaftliche Filmanalyse und reflexive raumtheoretische Deutung nutzen. Ihre Analyse kann überzeugen; es ist eine die Märchenforschung, nicht nur zu filmischen Märchenadaptionen, sondern auch darüber hinaus durchaus weiterführende Studie.

Bild_Annika Nitschke-Anerkenn.Preis 2015Den Anerkennungspreis erhält Annika Regina Nitschke (Universität Konstanz) für ihre Wissenschaftliche Arbeit mit dem Thema: „Und wenn sie nicht gestorben ist …
Die Schneewittchenfigur und ihre Adaptionen.“ In außergewöhnlich nuancierter Weise zeichnet Annika Nitschke ein Bild der Schneewittchenfigur in ihrer wechselnden Figurenkonstallation. Es gelingt der Verfasserin in einem historisch vergleichenden Vorgehen, im Sinne des Historikers Robert Darton in Märchentexten und deren filmischer Bearbeitung die Situation der Frauenfiguren als eine Art sozialhistorischer Quelle zu sehen, um auf diese Weise auf jeweils herrschende Vorstellungen von Weiblichkeit zu schließen – ein bemerkenswertes Vorgehen.

PDF-Download: Pressemitteilung LRP + ANK 2015

Pressemitteilung Märchentage 2015

Pressenotiz vom 08.05.2015

hier geht es zur Pressemitteilung Märchentage 2015

Die Märchen-Stiftung Walter Kahn veranstaltet anlässlich ihres 30-jährigen Jubiläums in Zusammenarbeit mit der Akademie Remscheid für Kulturelle Bildung e.V., dem Verein Erzählkunst e.V. und dem Verband der Erzählerinnen und Erzähler e.V. in Münsterschwarzach eine Tagung zum Thema »Erzählen und kulturelle Bildung – Modelle, Konzepte, Utopien.« Dies ist der Beginn eines Tagungszyklus, der vom 2. bis 4.
Mai 2016 an der Akademie Remscheid für Kulturelle Bildung e.V. fortgesetzt wird.

Seit ca. 10 Jahren gibt es deutschlandweit Langzeitprojekte an (Grund)Schulen und Kitas, in denen professionelle ErzählerInnen für mind. 1 Jahr internationale Märchen und Mythen frei erzählen – nicht vorlesen. Die ‚digital natives‘ hängen fasziniert an den Lippen der ErzählerInnen, die ohne jede medialen Hilfsmittel die abenteuerlichsten Geschichten in den Köpfen der Kinder entstehen lassen. Das ist ‚Kino im Kopf‘ – inszeniert allein über Sprache, Gesten, Mimik der ErzählerInnen. Die Rückmeldungen der PädagogInnen und die professionelle Evaluation dieser Projekte belegen auf eindrucksvolle Weise, wie sich durch das lebendige Erzählen der Sprachschatz der Kinder (vor allem der Kinder mit Migrationshintergrund) erweitert, wie sie Poesie als Schlüssel zur Welt erleben, wie ihre Phantasie und Kommunikationsfähigkeit wächst, wie sich Empathie, soziale Verantwortung und Selbstwertgefühl entwickeln.

Die Gestalter dieser Projekte werden ihre Erfahrungen während eines Doppel-Symposions diskutieren. Außerdem werden einschlägige wissenschaftliche Forschungsergebnisse vorgestellt. Ziel ist u.a. ein Memorandum an die Bildungspolitiker, um damit einen Anstoß zu geben, das Erzählen als unverzichtbaren Bestandteil der kulturellen Bildung im Schul- und Kita-Alltag und in der Ausbildung der PädagogInnen zu verankern.

Symposion I: 23.-25.09.2015 in Münsterschwarzach (gefördert durch die Märchen-Stiftung
Walter Kahn) zum Erzählen in Kita, Schule und Lehramtsausbildung
Symposion II: 02.-04.05.2016 Akademie Remscheid zum Erzählen im soziokulturellen Raum, speziell für Erwachsene

Das Symposion wendet sich an (Sozial)PädagogInnen, HochschullehrerInnen, ErzählerInnen, Bildungsträger, Fachleute und alle am Erzählen Interessierte.

Europäischer Märchenpreis 2015 für Prof. Dr. Kristin Wardetzky

kristin-wardetzkyPressenotiz vom 26.09.2014
Die 1942 geborene Wissenschaftlerin hat ihr Studium der Germanistik, Anglistik und Pädagogischen Psychologie in Jena und Leipzig absolviert. Von 1970 – 1991 wirkte sie als Theaterpädagogin am Theater der Freundschaft in Berlin, legte ihre Promotion an der Humboldt-Universität Berlin ab und wurde 1992 als Professorin an die Fachhochschule Darmstadt berufen; ab 1993 lehrte sie am Institut für Theaterpädagogik der UDK Berlin.

Kristin Wardetzky hat zahlreiche Veröffentlichungen zum Kinder- und Jugendtheater, zur Kinder- und Jugendliteratur sowie empirische und theoretische Untersuchungen zur kindlichen Märchenrezeption vorgelegt. Am 11. Februar 2015 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz für ihre umfangreiche wissenschaftliche Arbeit und ihren herausragenden, ehrenamtlichen Einsatz für die Verbreitung des künstlerischen Erzählens. Die Ehrung mit dem Europäischen Märchenpreis der Stiftung gilt vor allem ihrem engagierten Einsatz, die Grimm’schen Märchen, die Volksmärchen allgemein und klassische Erzählstoffe aus der europäischen Mythologie in ihrer Wirkungsmacht des Erzählens darzustellen.

Die Märchen-Stiftung Walter Kahn will nicht nur Grundlagenforschung fördern, sondern auch rezeptionsorientierte Forschung unterstützen. Dies ist ganz im Sinne des Stifters Walter Kahn. „Die letzte Bedeutung der Wissenschaft bestehe ja schließlich doch in ihrer Anwendung auf das Leben“ sagte Max Planck der Vossischen Zeitung. Kristin Wardetzkys Forschungen gelten der Rezeption von Märchen und der Frage “wie aus der Erkenntnis ein Gewinn“ wird (Peter Gruss, Max Planck Gesellschaft). In langfristig angelegten Schulprojekten in Berliner Brennpunktschulen („Sprachlos?“ und „ErzählZeit“) hat sie beeindruckend zeigen können, welche innovativen sprachfördernden, sprachbildenden und integrativen Kräfte, gerade auch für Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache, im lebendigen Erzählen, wirksam werden.

Der Europäische Märchenpreis wird in einem Festakt am 24. September 2015 im Rahmen der jährlich stattfindenden Märchentage der Märchen-Stiftung in Münsterschwarzach verliehen.

PDF-Download: Pressemitteilung EMP 2015

Ankündigung Märchentage 2015

23.-25.09.2015

Erzählen und kulturelle Bildung: Modelle – Konzepte – Utopien.

Im Rahmen des Symposions I (23. – 25.9.2015) wollen wir Projekte vorstellen und diskutieren, in denen professionelle ErzählerInnen mind. 1 Jahr lang in Kitas und Schulen internationale Märchen und Mythen erzählen und in denen das Erzählen in die universitäre Ausbildung aufgenommen wurde. Diese Langzeitprojekte – finanziert über unterschiedliche Modelle – haben auf faszinierende Weise gezeigt, wie das freie Erzählen die Sprachbildung der Kinder fördert, wie sich ihre Konzentrationsfähigkeit und ihre Phantasie entwickelt, wie ihr Selbstwertgefühl und ihre sozialen Fähigkeiten wachsen. Die Ergebnisse dieser Projekte sind überwältigend! Deshalb will das Symposion den Anstoß geben, das freie Erzählen als unerlässlichen Bestandteil in die Curricula von Bildungseinrichtungen und in die Ausbildung der PädagogInnen zu integrieren.

Anmeldungen sind bis zum 1. September 2015 per Briefpost, Telefon, Fax oder E-Mail an die Geschäftsstellenadresse (maerchentage2015@maerchen-stiftung.de) erbeten.

PDF-Download: Flyer zur Tagung

BITTE BEACHTEN SIE !!!!!!!!
Es sind leider auch Flyer im Umlauf, die versehentlich eine falsche IBAN enthalten.
Bitte nutzen Sie für die Überweisung der Kursgebühr ausschließlich die folgende
IBAN: DE78 7906 9001 0200 5061 33

Märchenillustrationsstipendium 2014 an Julia Beutling

Pressenotiz vom 22.9.2014

Seit 2014 konnte der Nachwuchspreis Illustration durch die Mediengruppe Pressedruck ausgebaut werden. Der Sonderpreis Märchenbilderbuch wird im Rahmen eines Stipendiums in Höhe von 1.250 Euro vergeben.

Die Überreichung des Nachwuchspreises Illustration sowie des Märchenstipendiums 2014, gestiftet von der Märchen-Stiftung Walter Kahn, findet am 8. Oktober 2014, ab 16:30 Uhr im Kinderbuchzentrum in Halle 3.0/ K 137 auf der Frankfurter Buchmesse mit musikalischem Empfang der Mark Trommler Band statt. Geladen sind alle Illustrations- und Bilderbuchfreunde. Das Stipendium wird in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Buchmesse und dem Börsenblatt für den deutschen Buchhandel vergeben.

Julia Beutling: Von den Fischer un siine Fru.
Bremen: Carl Schünemann Verlag 2013,
ISBN 978-3-944552-04-0.

Basierend auf dem plattdeutschen Text der Grimm’schen Erstausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“ von 1812 setzt Julia Beutling die immer maßloseren Wünsche der Fischersfrau ausdrucksstark ins Bild und
schafft einen kontrastreichen Spannungsbogen zu der anfangs noch lieblichen, dann immer bedrohlicher werdenden Landschaft, die sich zum furiosen Weltuntergangsszenario ausweitet. Das Ende jener parabolischen Erzählung ist gleichermaßen ein Anfang, den die Künstlerin auf sehr eigene Weise zu interpretieren versteht – panta rhei! („Alles fließt!“).

Julia Beutling wurde am 26.12.1986 in Berlin geboren. Sie studierte von 2007 bis 2014 an der Kunsthochschule Berlin Weißensee. Ihr Studium der Visuellen Kommunikation beendete sie mit Diplomarbeiten über Tierversuche und vegane Bildkommunikation. Seit 2011 arbeitet sie als freiberufliche Illustratorin und Grafikerin für den Carl Schünemann Verlag, die Zeitschrift
cinearte XL, den Schacks Verlag, Fixpunkt e.V. und das Naturerbe Zentrum Rügen. Ihre Vorliebe gilt dem nachhaltigen Erzählen ökologischer und sozialer Themen in Bildern.
(www.juliabeutling.de)