Die Stiftung in der Weihnachtspause vom 24.12.18 bis 06.01.19

Wir bedanken uns auf diesem Wege für das erfolgreiche Jahr 2018 bei allen, die die Arbeit unserer Stiftung wertschätzen und voranbringen, sei es durch ihr Mitwirken an unseren Märchentagen, den Autoren und Lesern des Märchenspiegels und den vielen Institutionen, die wir auch in diesem Jahr bei der Umsetzung ihrer Projekte unterstützen durften.

Vom 24. Dezember 2018 bis einschließlich
06. Januar 2019 ist unser Büro nicht besetzt.

Wir wünschen eine märchenhafte Weihnachtszeit und einen schönen Jahreswechsel !

Ankündigung Märchentage 2019

KHM 13: „Die drei Männlein im Walde“, Arthur Rackham

Unsere alljährlichen Märchentage sind in 2019 dem Thema
Wetter im Märchen“ gewidmet.
Die Tagung findet vom
18. – 20. September 2019
im Gästehaus der
Abtei Münsterschwarzach statt.

Wetter ist allgegenwärtig. Es umgibt und betrifft uns, es ist Teil der Lebens- und Erzählwelten. Das Wetter hat uns die Stimmung verhagelt, die Sonne sticht, es tost der Wind. Die Schneeflocken tanzen und leise rieselt der Schnee. Die vielfältigen sprachlichen Wetteräußerungen, die in Liedern, Gedichten und Redewendungen Eingang und ihren Ausdruck gefunden haben, machen vor den Märchen nicht halt. Wetter wird in Märchen thematisiert, wenn auch auf märchenhaftere Weise als etwa im alltäglichen Erzählen. Hänsel und Gretel reden sich mit einem Wetterphänomen heraus (Der Wind, der Wind, das himmlische Kind), die Sonne sticht nicht nur, sondern ist auch eine Kinderfresserin (Die sieben Raben). Jahreszeiten und die mit ihnen verbundenen Wettererwartungen werden personalisiert (Väterchen Frost). Vermutet man die Wettermacherinnen auf den ersten Blick in der Sage, wie etwa die Wetterhexen, so findet man eben doch auch die eine oder andere im Märchen (Frau Holle, die Schneekönigin). Wetter treibt auch die Handlung voran: Das (Un-)Wetter führt die Prinzessin auf der Erbse vor die Tür des Schlosses, die Kälte den Bären zu Schneeweißchen und Rosenroth. Wetterphänomene können sogar namensgebend werden wie bei Schneewittchen. Und ganz wunderbar und märchenhaft wird es, wenn das brave Mädchen die Erdbeeren im Schnee findet (Die drei Männlein im Walde).
Märchen stehen im Zentrum der Tagung. Auf Vorträgen, die zum Diskutieren einladen sollen, und in Workshops wird gefragt: Was, wie und warum wird vom Wetter in Märchen erzählt? Ergänzend werden Einblicke zum Erzählen vom Wetter in anderen Gattungen – etwa in Sagen und Bauernregeln – ermöglicht. Eigenes Erzählen soll jedoch auch nicht zu kurz kommen: Neben den Austauschmöglichkeiten bei gemeinsamen Mahlzeiten wird es einen Workshop zum alltäglichen Erzählen geben: Was können Sie denn vom Wetter erzählen? Wetter als lebensweltliche Erfahrung und als lebensweltliches Wissen wird mit Märchen und anderen Erzählformen zusammengedacht und -gebracht.

Programm

Das ausführliche Programm folgt in Kürze.

Anmeldung

Anmeldungen sind bis zum 1. September 2019 an die Geschäftsstelle der Stiftung erbeten, gern auch per E-Mail an: maerchentage2019@maerchen-stiftung.de

Kursgebühr

Wird in Kürze bekannt gegeben.

Veranstalter
Märchen-Stiftung Walter Kahn, Postfach 1130, 97326 Volkach,
Tel. +49 9381 5764490; Fax +49 9381 5764491

Organisation
Die inhaltliche Konzeption liegt bei Dr. Simone Stiefbold vom Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich.

Link zur Pressemitteilung.

Bericht zu den Märchentagen 2018

Das Thema der diesjährigen Märchentagung der Kahn-Stiftung in Münsterschwarzach bei Volkach war „Alter und Märchen“. In den Vorträgen und den Workshops wurden verschiedene Aspekte zum Thema dargestellt. So ging es neben dem Thema „Alte Leute im Märchen“ um Verjüngungsritutale, um das Alter der Märchenbeiträger oder um die berühmte Rede von Jakob Grimm über das Alter. Dabei wurden nicht nur die Grimmschen Märchen analysiert, sondern auch Ausblicke in andere Länder und Kulturen geboten. Die inhaltliche Konzeption lag bei Prof. Harm-Peer Zimmermann (Zürich).

Den Anfang machte Prof. Hans-Jörg Uther (Göttingen) mit seinem Vortrag „Alterstypologien in der europäischen Volkserzählung“. Hier stellte er verschiedene, besonders in der Gattung Märchen vorkommende alte Leute vor, welche gleichsam Stereotypen darstellen und insofern auch mit formelhaften Beiwörtern beschrieben werden. Diese Alten können als Antagonisten, z. B. Hexen, Jenseitswesen wie Zwerge oder als Helfer, welche häufig alte Frauen oder Männer sind, auftreten. Mit den alten Leuten kann der Generationenkonflikt dargelegt werden, wie beispielsweise im Märchen KHM 78 „Der alte Großvater und sein Enkel“ oder KHM 27 „Die Bremer Stadtmusikanten“. In Schwänken wird über die Alten gelacht. Uther verwies auch noch auf weitere Varianten des Alters und des Alterns in Volkserzählungen und darauf, dass sich diese Stereotypen noch in zeitgenössischen Narrativen niederschlagen.
Im Vortrag von Dr. Wolf-Gerrit Otto (Leipzig) wurde das Märchen KHM 147 „Das junggeglühte Männlein“ monographisch behandelt und gezeigt, wie die dargestellten Verjungungsrituale sich in der heutigen Anti-Ageing-Industrie niederschlagen. Dazu wurden die drei „Hilfsmittel“, mit denen Gott den alten armen Mann verjüngt, herausgestellt: Wasser, Werkzeug und Feuer. Zu diesen fand Otto heutige Äquivalente: Wasser und z. B. Hydrotherapie; Werkzeug und z. B. Fitnessstudios oder Medikamente; und Feuer und z. B. Wärmeanwendungen. Dieser Märchentyp zeigt auch die Hybris des Menschen, der Gott nachahmen will. Außerdem greift die Geschichte das Problem der Altersarmut auf, welches gerade heute wieder aktuell ist.
Der Vortrag von Prof. Alfred Messerli (Zürich) behandelte das Märchen KHM 176 „Die Lebenszeit“. Bei dieser Erzählung stellte sich für den Referenten auch die Genre-Frage. Zu welcher Gattung gehört es? Märchen, Fabel, Schwank? Es vereint Motive aus mehren Genres und weist dabei verschiedene Motivationen auf wie die Gier oder den Wunsch des Menschen nach einer bestimmten Lebensdauer.Demgemäß zeigt das Märchen folgende Gliederung der Lebenszeit auf: der letzte Lebensabschnitt beginnt nach den 30 Jahren als Mensch, dann folgt ein Leben, das dem des Esels, des Hundes und schließlich dem des Affen gleicht. Eine Allegorie die sich mit diesen und teils anderen Tieren immer wieder auch in alten Kirchenschnitzereien und -bildern wieder findet.
Prof. Dr. Helmut Fischer (Hennef bei Bonn) ging in seinem Vortrag nicht auf das Alter im Märchen ein, sondern zeigte auf, dass oft „alte Leute als Zeugen für die Glaubwürdigkeit in Alltagserzählungen“ herangezogen werden. Hier nahm er Bezug auf seine langjährigen Erfahrungen in der Feldforschung. Der Erzähler, der selbst häufig auch schon älter ist, erzählt nicht nur diese eine Geschichte, sondern verweist auf eine Reihe von Personen, von denen diese Geschichte stammt und so entsteht die Vorstellung von einer Erzählerkette. Bevorzugt werden Großeltern in diesem Zug genannt. Im Sinne der Glaubwürdigkeit der Erzählung wird so besonders auf alte Menschen hingewiesen, besondere Ereignisse oder Gegenstände werden danach wieder der Gegenwart zugeordnet.
Abgeschlossen wurde der Tag mit der Märchenerzählerin Antje Horn aus Jena, die von Klaus Wegener auch musikalisch begleitet wurde. Sie erzählte im Sinne des Tagungsthemas Märchen von alten Weibern und weisen Frauen.

Der Donnerstag startete mit einem Vortrag von Prof. Holger Ehrhardt (Kassel), der sich mit dem Thema des Alters der Märchenbeiträger der Grimms beschäftigte. Diese waren, entgegen den Klischees, eher jung als alt, im Durchschnitt dreißig Jahre. Auch die Brüder Grimm selbst waren ja zu Beginn des Märchensammelns noch jung (zweiundzwanzig und einundzwanzig Jahre). Auch seien die Angaben, die die Grimms zu ihren Gewährspersonen machten, eher vage gewesen. Somit ist auch heute, nach vielen Forschungen, nicht das gesamte Beiträgernetzwerk bekannt. Von diesen Informanten lassen sich mehrere Gruppen, die Märchen beisteuerten, ausmachen. Durch die Bekanntmachung von Dorothea Viehmann und ihrem Bild ab der 2. Auflage wurde zusätzlich Verwirrung gestiftet. Hier fügt sich auch die immer noch verbreitete falsche Vorstellung ein, die Grimms hätten selbst klassische Feldforschung betrieben. Das ist bekanntermaßen nicht richtig, da in den meisten Fällen die Erzähler und Erzählerinnen zu ihnen kamen oder gar schriftlich zugearbeitet wurde.
Der Vortrag von Dr. Simone Stiefbold (Zürich) „Das Alte im Gewand des Jungen: Altersvers und Wechselbalg“ beschäftigte sich mit einem sagen- und märchenhaften Wesen, welches häufig wie ein Säugling aussieht, aber eigentlich schon uralt ist. Bei dem Versuch, den Wechselbalg als solchen auffliegen zu lassen, indem man ihn zum Lachen oder zum Staunen bringt, bis das Wesen endlich (meist in Versen) spricht, erkennt man manchmal dessen wahre Identität. Dabei zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen Jungen und Alten sowie menschlichen und nichtmenschlichen Altersvorstellungen und vielleicht auch die historisch verbürgte Angst vor Säuglinsvertauschungen oder -unterschiebungen.
Nachdem die Referate sich bis zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich mit den Grimmschen Märchen beschäftigt hatten, ging es im Vortrag von Prof. Gudula Linck (Freiburg) um „Wege chinesischer Märchen“ und deren altersspezifische Erzählstoffe. Linck stellte dabei verschiedene Varianten und Parellelen derjenigen chinesischen Volksmärchen vor, welche von den unterschiedlichsten Glaubensströmungen und Lehren in China geprägt sind. Am Beispiel des international verbreiteten, sogenannten „Sintflutmotivs“ verdeutlichte die Sinologin die moralische Intention: Ein kleiner Junge hilft einer alten Bettlerin und dessen ganze Familie wird dafür belohnt. Hier kommen die kindliche Pietät und auch das Mitleid mit Tieren zur Sprache. Eine spätere literarische Bearbeitung des achtsamen Umgangs mit Tieren wurde von der Referentin am Fuchsgeistmotiv dargestellt: ein Fuchs kann sich nach hundert Jahren in eine schöne Frau verwandeln. Dabei spielt die damalige Verteufelung der Sexualität und die entsprechende Unterdrückung der Frau eine Rolle. Ein weiterer Aspekt war die Bearbeitung des Einsiedlermotivs mit der Suche nach dem philosophischen Ideal der Mitte. Zuletzt ging es um den Riesenvogel Peng, der mit dem Phönix aus unserer Kultur vergleichbar ist und damit das Thema von Alter, Tod und Wiedergeburt berührt.
Der nächste Vortrag „Über Väter in polnischen Volksmärchen aus Masowien“ stammte von der Erzählforscherin Katarzyna Grzywka (Warschau). Über die text‑
immanente quantifizierende Analyse von dreiundvierzig Volksmärchen, in denen Väter auftreten, ermittelte sie typische Vaterrollen in Märchen und stellte Fragen wie: Wer sind sie, was machen und wie agieren diese „Alten“? Die größte Gruppe bildeten Könige und die zweitgrößte Bauern oder Väter, deren sozialer Status nicht angegeben wird. Bei den Fragen nach dem Wie und nach dem Was klassifizierte sie drei Gruppen: Distanzierte Egoisten, fürsorgliche Betreuer und rücksichtslose Bewegungs- bzw. Handlungsauslöser. Wobei Töchter häufig Könige, die distanzierte Egoisten waren, zu Vätern hatten und Söhne Väter von eher niedrigem Stand, die aber fürsorglich waren.
Danach folgte der Vortrag „Die Jungen und die Alten in den tschechischen Märchen von Božena Němcova“ von Dr. Lubomir Sůva (Göttingen). Dafür stellte er Němcova und ihre für die Tschechische Nationalentwicklung wichtigen Märchen vor. Hier sind die Helden zumeist junge intelligente Frauen. Der Referent stellte zudem verschiedene Märchen vor, die Jugend und Alter thematisieren, z. B. „Kača und der Teufel“, in dem eine alte Jungfer eine große Rolle spielt oder „Die sieben Raben“, wo es eine junge, kluge Heldin gibt.
Daraufhin folgten wie jedes Jahr die Workshops. Uthers Veranstaltung galt dem Thema „Die Narren und Weisen. Alte Leute in Volkserzählungen“, während sich die Erzählforscherin Dr. Harlinda Lox (Gent) dem Thema „Verjüngungsrituale in der narrativen und visuellen Ikonographie“ zuwandte. Lox‘ didaktische Herangehensweise fokussierte den Motif- und den Typenindex. Mit Hilfe dieser Indices finden Fachleute die unterschiedlichsten Verjüngungsrituale, von denen einige schon häufiger während der Tagung erwähnt worden waren, wie das Wasser des Lebens oder die Altweibermühle. Bemerkenswert erschien Lox und den Teilnehmenden, dass der Verjüngungsvorgang nur wenig und ohne Emotionalität beschrieben wird. Nicht nur in den Texten sondern auch in Bildern werden Verjüngungen dargestellt wie z. B. der Jungbrunnen von Cranach. Leider war für die Bildbeispiele nicht mehr genügend Zeit.

An diesem Abend fand im nahen Volkach dann der Festakt zu den Preisverleihungen der Märchen-Stiftung Walter Kahn statt. Der „Europäische Märchenpreis“ wurde Prof. Dr. Juha Pentikäinen (Helsinki) für seine lebenslange Leistung in der Erzähl- und Märchenforschung verliehen [wir berichteten ausführlich im Märchenspiegel 3/18]. Der „Lutz-Röhrich-Preis“ für die beste studienabschließende Arbeit ging an Dr. Acakpo Constant Juladie Sedote (Bamberg) für seine Dissertation „Han oder Volksgesänge: Populare Lieder als Indikatoren für Weltanschauung und Glaubensvorstellungen der Mahi (Benin)“. Der „Gesonderte Förderpreis“ ging an Dr. des. Zhizi Yang (Beijing) für ihre Dissertation „Märchenadaptionen in Romanen und Novellen von Christoph Martin Wieland bis zu Thomas Mann – eine exemplarische Untersuchung“.

Am nächsten Tag ging es weiter mit Märchen aus anderen Ländern. In Dr. Angelika Hirschs Vortrag „Von Vätern und Ahnen – Ein norwegisches Märchen als Hort germanischer Mythologie“ wurde das Märchen „Der siebte Vater im Haus“ in den genaueren Fokus genommen. Die Vortragende nahm es als Beispiel für den Nachweis, wie sich in diesem Märchen Vorstellungen der Germanen konserviert hatten. Im Sinne der mythologischen Schule des 19. Jahrhunderts sah sie in diesem Text das germanische Familienbild der Großfamilie mit dem Vater als Oberhaupt gespiegelt, und erinnerte an die Seelenvorstellungen der Germanen, dass Seelen auf die eine oder andere Art weiter leben, sowie an die Vorstellungen von der Gleichzeitigkeit von Lebenden und Toten. Diese Motive der germanischen Mythologie zögen sich Hirschs Auffassung nach bis heute durch so ein nordisches Märchen.
Im Anschluss folgte der Vortrag von Prof. Sabine Wienker-Piepho (Jena/Freiburg) zum Thema „Alter und Altern in Sprichwort und Märchen. Widerspruch, Sinn und Unsinn sprachlicher Fertigware“. Dafür folgte sie der Definition, dass Sprichwörter festgefügte formelhafte Sätze sind, deren Herkunft anonym ist. Die Anonymität und Mündlichkeit teilt diese Gattung mit der der Märchen. Zum Alter gibt es sowohl negativ als auch positiv konnotierte Sprichwörter. Sie können die Altersleiden oder den Jugendwahn oder die Weisheit des Alters wiedergeben. Ein beliebtes Beispiel stellen die Lebensstufen dar, auf die sich auch die Sprichwörter berufen. Sie sind nie wertneutral, sondern geben die Urteile und sehr differenziert die unterschiedlichsten Stereotypen zum Thema Alter und Altern wieder.
Den Abschluss bildete Prof. Dr. Harm-Peer Zimmermann (Zürich) mit seinem Vortrag „Jacob Grimm: Über das Alter“. Er bezog sich darin auf die Rede von Jakob Grimm und auf dessen Ausspruch: „Je älter ich werde, desto demokratischer gesinnt bin ich“. Für Jakob Grimm stellte das geistige Arbeiten Lebenssinn dar. Dies spiegelt sich in seinem Alters- und Selbstverständnis wie auch im Wissenschaftsverständnis, und war zentral für seine gesamte Lebensauffassung. Die Wissenschaft sollte dabei auch lebendiger werden. Nach Auffassung des Referenten sei dies heute in Grimms Sprache deutlich sichtbar. Grimms Forderungen seien erste Ansätze zu einer Art der „kulturwissenschaftlichen Gerontologie“. Die Vielfalt, mit der zu unterschiedlichen Orten und Zeiten das Alter und Altern angesehen wurde und bis heute wird, solle – so Zimmermann – endlich noch gründlicher erforscht werden. Für Grimm hätten alle drei Teile Arbeit, Leben und Sprache ein Ganzes gebildet. Die Altersfrage könne man nach Grimm mit dessen vorbildlich „demokratischer“ Altersweisheit lösen. Jacob Grimms Ansichten zum Alter heben sich vom Stereotyp des gebrechlichen Alten ab. Sie zeigen vielmehr ein am Leben aktiv mitwirkendes Altenbild.
Auf der Tagung konnten viele neue Einblicke gewonnen werden, die durch die Vorträge, Workshops und anschließenden Diskussionen aber auch durch die Gespräche mit anderen Teilnehmenden gewonnen wurden. Als Studierende der Volkskunde/Kulturgeschichte der Universität Jena danke ich den Veranstaltern der Märchentagung für die Gelegenheit, diese neuen Erfahrungen, Eindrücke und Anregungen sammeln zu dürfen.

Marlene Brenner, Jena

Hier ein paar Eindrücke von der Preisverleihung am 20.09.2018

Hier geht es zur Laudatio von Prof. Dr. Tarmo Kunnas auf Prof. Dr. Juha Pentikäinen.

Zur Laudatio von Gundula Hubrich-Messow auf auf Dr. Acakpo Constant Juladie Sedote.

Zur Laudatio von Helga Zitzlsperger auf Dr. des. Zhizi Yang.

 

Lutz-Röhrich-Preis für Dr. Acakpo Constant Juladie Sedote, Gesonderter Förderpreis für Dr. des. Zhizi Yang

Pressenotiz, August 2018

Den Lutz-Röhrich Preis erhält in diesem Jahr Herr Dr. Acakpo Constant Juladie Sedote (Bamberg) für seine exzellente Dissertation mit dem Titel „Hàn oder Volksgesänge: Populäre Lieder als Indikatoren für Weltanschauung und Glaubensvorstellungen der Mahi (Benin)“ am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie der Universität Bamberg.
Der Germanist und Kulturwissenschaftler skizziert zuerst Geografie, Geschichte, Sozialstruktur, Sprache dieser schriftlosen Volksgruppe aus seinem Heimatland Benin und geht auf die indigenen Dimensionen ihres Liedgutes ein, bevor er ausführlich ein Korpus von gut fünfzig Volksgesängen präsentiert. Dabei ordnet er die Lieder den verschiedenen Stationen und Situationen des menschlichen Lebens zu und erörtert außerdem ihre möglichen sozialen Funktionen und die sich darin spiegelnde kulturelle Identität und Authentizität.

Für die Märchen-Stiftung Walter Kahn: Dr. Gundula Hubrich-Messow (Sterup), Jurymitglied

Den Gesonderten Förderpreis erhält Frau Dr. des. Zhizi Yang (Beijing, China) mit ihrer ungewöhnlichen Dissertation: „Märchenadaptionen in Romanen und Novellen von Christoph Martin Wieland zu Thomas Mann – eine exemplarische Untersuchung“ an der Georg-August-Universität Göttingen.
In einem weiten Bogen von der Aufklärung des 18. bis zur Moderne des 20. Jahrhunderts spürt sie in ebenso virtuoser wie sensibler Weise an Werken von Wieland, Novalis, Chamisso, Storm, Andersen und Mann Spannungen auf, die an den Darstellungsformen der Romane und Novellen und an unterschiedlichen Märchenadaptionen darin wahrnehmbar sind. Sie untersucht die intertextuellen Verhältnisse der Erzähltexte und feilt heraus, dass Märchenadaptionen ein gezieltes Verfahren der literarischen Moderne seien.

Für die Märchen-Stiftung Walter Kahn: Helga Zitzlsperger (Bermatingen), Kuratoriumsmitglied

Die Preisverleihung findet am 20. September 2018 in Volkach statt.

Hier geht es zum PDF-Download der Pressemitteilung.

Europäischer Märchenpreis 2018 für Prof. Dr. Juha Pentikäinen

Der renommierte Europäische Märchenpreis der Märchen-Stiftung Walter Kahn geht in diesem Jahr an den finnischen Forscher Prof. Dr. Juha Pentikäinen.

Das Kuratorium hat sich damit wieder für die Internationalität dieser Forschungsrichtung entschieden. Überreicht wird die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung am 20. September 2018 in Volkach bei Würzburg. Um 18 Uhr beginnt die Feier, die Laudatio wird sein namhafter Kollege, der Literaturwissen-
schaftler und Philosoph Prof. Tarmo Kunnas (em. Universität Jyväskylä) halten.

Die Option für den diesjährigen Preisträger folgt einer mehr als zwanzigjährigen Tradition, auf die dieser Preis mittlerweile zurückblicken kann. Verliehen wurde er an Persönlichkeiten aus aller Welt, die sich in herausragender Weise und oft lebenslang um die Erforschung und Pflege der europäischen Märchen- und Sagentradition verdient gemacht haben. Das bedeutet heute auch, dass sie im Sinne der UNESCO den Erhalt des überlieferten europäischen Märchen- und Sagengutes als Welterbe unterstützt und in die Praxis umgesetzt, sowie das Märchen- und Sagengut in der Öffentlichkeit gepflegt haben.

Der diesjährige Preisträger ist Religionswissenschaftler, Kulturanthropologe und Folklorist. Er wurde 1968 in Turku promoviert mit einer Arbeit zum Thema Nordic Dead Child Tradition. Er gründete und leitete das an der Universität Helsinki etablierte Fach Religionswissenschaften. Zudem war er Gründungsmitglied von und Professor an der norwegisch-samischen Universität von Tromsø. Seit seiner frühesten Jugend hat Prof. Pentikäinen in Ostrobottnien, Lappland und Ungarn Feldforschung betrieben. Ein interdisziplinäres Projekt zu Schamanismus und Arktischer Identität am Centre for Advanced Studies der Norwegischen Akademie der Wissenschaften machte ihn weltbekannt. Er war Funktionsträger in den verschiedensten Organisationen der UNESCO, sowie in zahlreichen Gelehrtengesellschaften (u.a. Folklore Fellows, Helsinki). Zuletzt fungierte er als Hauptherausgeber der neuaufgelegten Encyclopaedia of Religion (2005), zuständig vor allem für den Bereich Arktische und Uralische Religionen. 2008 wurde er emeritiert. Er wirkte zudem als Professor für Ethnographie
des Nordens an der Universität von Lappland im finnischen Rovaniemi und hatte Gastprofessuren in den USA inne.

Als „Advanced Scholar of Shamanism“ erhielt er eine große Auszeichnung: den Wissenschaftsorden der International Society for Shamanic Research. Die wissenschaftliche Eigenständigkeit seiner Arbeiten über den Schamanismus zeigt sich am deutlichsten in The Shamanic Drum as a Cognitive Map (1987), in dem er die Geschichte einer Schamanentrommel und den kosmologischen Aufbau der auf der Trommel abgebildeten Figuren sowie das Weltbild der Samen untersucht. In der Enzyklopädie des Märchens kann man Näheres über sein Leben und Werk nachlesen. Besonders beeindruckte die Märchenstiftung auch die international beachteten Studien zum finnischen Nationalepos, zum Kalevala. Seine Studien beruhen meist auf empirischer Basis, wobei Feldforschungen bei indigenen Bevölkerungsgruppen im Mittelpunkt steht: wie ist schamanistische Glaubenshintergrund uralischer Ethnien und ihrer Märchen in Nordeurasien?

Seine Bedeutung für die Märchenforschung liegt vor allem in der methodischen Pionierleistung; Professor Pentikäinen ist einer der bedeutendsten Vertreter der auf die Informanten und Gewährspersonen hin orientierten sog Erzählerforschung, der die Märchen-Stiftung Walter Kahn mit ihrer Tagung: Der Mensch hinter dem Text (2014) bereits Reverenz erwies. Er wandte von Anfang an historische und geographische, sowie genre-, frequenz- und funktionsanalytische Methoden an, die er mit unterschiedlichen theoretischen Anschauungen zu einer ganzheitlichen Betrachtungsweise verbindet. Eine solch „menschennahe“ Arbeitsweise prägt P.s berühmte Studie Marina Takalonuskonto ([Die Religion der Marina Takalo], Helsinki 1971, die als Oral Repertoire and World View 1978 ins Englische übersetzt wurde), eine Langzeitstudie, für die P. jahrzehntelang die aus dem russischen Karelien vertriebene Marina Takalo interviewt hatte.

Für die Märchen-Stiftung Walter Kahn: Sabine Wienker-Piepho, (Freiburg)

Hier können Sie die Pressemitteilung im PDF-Format abrufen.

Ankündigung Märchentage 2018

Die alljährlichen Märchentage der Märchen-Stiftung Walter Kahn sind in diesem Jahr dem Thema „Alter im Märchen“ gewidmet.
Die Tagung findet vom 19. bis 21. September 2018 im Gästehaus der
Abtei Münsterschwarzach statt.Abbildung: KHM 78 „Der alte Großvater und der Enkel“; Otto Ubbelohde
Abbildung: KHM 78 „Der alte Großvater und der Enkel“; Otto Ubbelohde

Nicht wenige Märchen handeln vom Alter, und zwar in sehr vielversprechender Weise: Die Bremer Stadtmusikanten zum Beispiel sind eine Truppe von Greisen, die aktiv und erfolgreich altern. Sie rebellieren gegen ihre Altersbestimmung, indem sie etwas Neues beginnen und die vermutlich erste Alten-WG der Welt gründen. Das Märchen Der alte Großvater und der Enkel entwickelt eine ganze Altersethik in Kurzform. Man kann sagen: Märchen sind dem Alter zugeneigt, sie bevorzugen positive Altersbilder – meistens, es sei denn, es geht um alte Hexen und Bösewichte. Dann herrschen sogar extrem negative Sichtweisen auf das Alter vor: Dann erscheint es hässlich, böse, verlogen, verdrossen, starrsinnig, unverbesserlich. Die Märchentage wollen einerseits die Vielfalt von positiven und negativen Altersbildern in Märchen ausloten, und zwar am Beispiel von Märchen aus aller Welt. Andererseits wird von der vierfachen Zuneigung zum Alter die Rede sein, wie sie für viele Märchensammler typisch gewesen ist – nicht zuletzt für die Brüder Grimm. Diese haben 1. dem Alter eine bevorzugte Stellung in ihren Märchen eingeräumt; 2. das Alter der Erzählstoffe betont (bestimmte Motive sollten bis in heidnische Zeiten zurückreichen); 3. haben sie das Alter ihrer Gewährsleute hervorgehoben (obgleich die Erzählerinnen vor allem junge Leute waren); und 4. stellen wir uns die Brüder Grimm gern als gealterte Wissenschaftler vor (sie sind immer wieder als alte Leute porträtiert worden, obwohl sie zur Zeit ihrer Sammeltätigkeit 20 bis 30 Jahre alt waren). Was also hat es mit dem Alter im Märchen auf sich? Und was hat es auf sich mit der Inszenierung des Alters, wie sie sich um die Märchen herum abspielt? Diesen Fragen wird in zwölf Vorträgen und zwei Workshops nachgegangen, gehalten von Wissenschaftler/innen aus unterschiedlichen Disziplinen und aus mehreren europäischen Ländern, neben Deutschland aus Polen, Tschechien und der Schweiz. Dazu werden Märchen erzählt, die mit dem Alter zu tun haben.

Programm

Das vollständige Programm entnehmen Sie bitte dem Flyer.

Anmeldung

Anmeldungen sind bis zum 1. September 2018 an die Geschäftsstelle der Stiftung erbeten, gern auch per E-Mail an: maerchentage2018@maerchen-stiftung.de

Kursgebühr

Die Kursgebühr setzt sich aus der Seminargebühr in Höhe von
120,00 € (Studenten 60,00 €), sowie einer Unterbringungs-/
Verpflegungspauschale zusammen.
270 € für Seminargebühr, Unterkunft im EZ und Verpflegung.
250 € für Seminargebühr, Unterkunft im DZ und Verpflegung.
175 € für Seminargebühr und Verpflegung, ohne ÜN.
120 € für Studierende inkl. Seminargebühr, Verpflegung und ÜN
bei Unterbringung im Mehrbettzimmer

Veranstalter
Märchen-Stiftung Walter Kahn, Postfach 1130, 97326 Volkach,
Tel. +49 9381 5764490; Fax +49 9381 5764491

Organisation
Die inhaltliche Konzeption liegt bei Professor Dr. Harm-Peer Zimmermann vom Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich, zugleich Mitglied im Präsidium der Märchen-Stiftung Walter Kahn.

Link zur Pressemitteilung.

Märchenspiegel 4/2017

Inhalt des aktuellen Märchenspiegel – Heft 4/2017

BEITRÄGE

  • Katarzyna Grzywka – Mühlen in den polnischen und deutschen Märchen aus den Sammlungen von Oskar Kolberg und den Brüdern Grimm
  • Rainer Wehse – Kannibalen – Schatzgräber – Räuber. Sagen, Märchen und Volkserzählungen an der Weser
  • Janin Pisarek – „Da trug sie die Nelken am Busenlatz“ – Die Symbolik der Nelke und ihre Bedeutung in Volkserzählungen
  • Pauline Lörzer – Vom Kauen und Schmatzen der Toten in Gräbern

BERICHTE

  • Pauline Lörzer – Märchentage 2017 und Preisverleihungen 2017
  • Franca Feil, Martin Hoppe – Dr. Tilmann Spreckelsen ist erster Grimm-Bürgerdozent

MELDUNGEN

  • Wissenszugang für jeden – das neue Grimm-Portal

Bericht zu den Märchentagen 2017

„Zwischen Arthaus und Traumfabrik: Der neue Märchenfilm und das neue Filmmärchen“ 

Ob im Fernsehen, auf Videokassette und DVD, oder auf der Kinoleinwand: Märchen haben schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Weg in den Film gefunden und sind bis heute fester Bestandteil desselben. Zunächst im Fach eher kritisch und misstrauisch untersucht, ob ihre möglichen negativen Einflüsse auf die Phantasie der Zuschauer und  möglicher Veränderung der „korrekten“ Märchentradierung, gehören sie inzwischen seit etlichen Jahren zum mit vielfachen positiven Forschungsansätzen untersuchten Medium.
Zumal die Flut der neu produzierten Märchenfilme nicht abnimmt. Gerade in den letzten 15 Jahren sind sowohl in Deutschland und auch dem internationalen Kino etliche neue Filme auf den Markt gekommen. Grund genug sich diesen zu widmen.
Was macht das Märchen für den Film so interessant und wie wirkt der Film auf das Märchen – und den Zuschauer?
Unter dem Titel „Zwischen Arthaus und Traumfabrik: Der neue Märchenfilm und das neue Filmmärchen“ fanden sich deshalb vom 27.–29.09.2017 in den altbewährten Klostermauern von Münsterschwarzach Spezialisten aus Volkskunde und Medienwissenschaften mit aktiven Filmschaffenden zusammen, um sich gemeinsam diesem komplexen Themenkorpus zu nähern.

Mittwoch, 27. September 2017

Eröffnet wurde die Veranstaltung im  Kloster in Münsterschwarzach vom Enkel des Stifters und Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Roland Kahn. Dr. Claudia Pecher gab einen ersten thematischen Einstieg und Blicke in die komplexe Organisation der Tagung, welche einige „märchenhafte Verwandlungen“ [sic! Pecher] zum angekündigten Programm hatte durchlaufen müssen.
Den Einstiegsvortrag hielt Prof. Dr. Marcus Stiglegger von der DEKRA Hochschule für Medien mit dem Titel „Märchenfilm und Filmmärchen – Der beschwerliche Weg zum Happyend“. Als baldiger Herausgeber eines umfassenden Handbuchs für Filmgenres, hatte er sich auch mit dem Märchenfilm intensiv auseinandergesetzt. Vor diesem Hintergrund erläuterte er detailreich die Überlegungen,  in welches Genre dieser einzuordnen sei, oder ob der Märchenfilm gar ein eigenes solches bilden könne.
Dabei folgte er als zweiter Grundfrage der Überlegung, was Märchen für den Film überhaupt lukrativ machte. Hierfür entführte er das Auditorium in die Geschichte des (Kino)Films.
Die Tatsache, dass Märchenfilme auch international als erfolgreiche Blockbuster funktionieren können, so Stiglegger, läge am häufig grimm‘schen narrativen Grundgerüst, welches allgemein kodiert und damit verständlich ist. Hierdurch werden unterschiedliche Transformationsprozesse möglich – so eine zentrale These des Vortrags.
Das zeige sich auch darin, dass schon vor der Erfindung des Films Märchen oder Märchenmotive im Theater verwendet und in einen neuen Mantel gehüllt wurden. Mit der Entstehung des Films kamen Märchen zunächst vor allem in Kurzfilmformaten heraus. Auch diese ersten filmischen Umsetzungen waren, wie die Ursprungsmärchen, nicht für ein kindliches, sondern erwachsenes Publikum gemacht.
Der eigentliche ‚Märchenfilm‘ oder das ‚Filmmärchen‘1 kamen also erst mit der Entwicklung von abendfüllenden Spielfilmen. Gleichzeitig bedeutete das aber auch, dass die Märchenhandlung entsprechend “aufgebläht“ wurde. So gesehen fand eine Wandlung von der oralen in die audiovisuelle Erzählform statt.
Mit diesem historischen Hintergrund wandte sich Stiglegger der eigentlichen Genrefrage zu und eröffnet direkt mit der These, Märchenfilme seien ein Metagenre des Phantastischen Films – also Filmen mit phantastischen Elementen wie Science-Fiction, Horrorfilm und Fantasyfilm.
Durch die besondere Erzählstruktur der Märchen seien sie für die Transformationen der verschiedenen Filmgenres zu öffnen. Das bedeute, sie sind Metafilme, deren freie Struktur filmische Selbstreflexion zulasse und damit zahlreiche hybride Märchenfilme, bspw. als Horrorfilm, ermögliche. Auch als heroische Fantasysage mit Superheldenpotenzial der Protagonisten hat sich das Märchen in den letzten Jahren vielfach an den Kinokassen rentiert. Hier zeigt sich, wie das Aufgreifen aktuell erfolgreicher Trends und eine Starbesetzung bei der Inszenierung von Märchen als Blockbuster funktioniert. Dabei werden vertraute Märchenstoffe oftmals neu kodiert, wie z. B. beim Kinofilm „Melificant“, in dem Dornröschen aus dem Fokus der bösen Fee gezeigt wird.
Wenn auch die zugrunde gelegte Märchendefinition der Untersuchung für das erzählforschende Fachpublikum populäreren Ansätzen folgte, lieferte Stiglegger einen spannenden und schlüssig argumentierten Einstieg in das Thema des Märchenfilms, dessen Thesen und Stichworte im Verlauf der Tagung immer wieder von den anderen Referenten aufgegriffen wurden. Gleichzeitig bot er damit auch einen Zugang in filmwissenschaftliche Forschungen.
Es folgte der kunsthistorisch angelegte Beitrag von Hannes Rall mit dem Titel „Lange Schatten einer Pionierin: Der Einfluss von Lotte Reiniger auf nachfolgende Trickfilmer-Generationen“. Der Referent, der aktuell Associate Professor an der School of Art, Design and Media an der Nanyang technological University in Singapur ist, widmete sich den ästhetischen Ebenen des Märchenfilms. Auch hier spielten Fragen danach, was den Märchenfilm zu einem erfolgreichen Filmgenre macht,  oder was für eine Rolle das „Bild“ für die Imagination des Zuschauers einnimmt und wie sich die Aktualität oder Zeitlosigkeit des Materials ergibt, eine zentrale Rolle.
Die zentrale Untersuchungsfigur war Lotte Reiniger (1899–1981), die heute als wichtige Pionierin des Trickfilms in Deutschland weltweit bekannt ist. Mit ‚Die Abenteuer des Prinzen Achmed‘ (1926) erschuf sie den ersten noch existierenden abendfüllenden Animationsfilm. Dabei lag ihr Schwerpunkt thematisch vorrangig auf der Adaption bekannter Märchen und Mythenwelten. Auch der scherenschnittartige Stil des Films, inspiriert vom chinesischen Schattentheater und dem Wayang Kulit, dem indonesischen Schattenspiel, war eine Besonderheit.
Der Schattenschnitt hatte dabei den Vorteil der Zeitlosigkeit, der sich bis in unsere Zeit hält, eine hohe selbstständige Imagination des Zuschauers nötig macht und damit immer wieder neu wirkt. Die märchenhafte Erzählweise wird eindrucksvoll durch die grafische Kombination von Purismus und Opulenz untermalt – mit dem Kontrast zwischen ruhigen schwarzen Flächen und filigran ausgeführten Mustern, Figuren und Hintergründen.
Nicht verwunderlich also, dass diese künstlerische Stilistik später oftmals aufgegriffen wurde, auch als einzelne Elemente. Rall stellt eine Szene in „The three Brothers Animation“ aus Harry Potter & The deathly Hallows Teil 1 (2010) sowie dem Animationsfilm „Azur et Asmar“ (2006) von Michel Ocelot beispielhaft vor. Letzterer bleibt oft nah an der ursprünglichen Designwelt Reinigers, erweitert sie aber entscheidend um die Ausdrucksmöglichkeiten von Farbe und Stereoskopie. Auch Bruno J. Böttge, Regisseur und Mitbegründer des DEFA Studios für Trickfilme, schuf über 70 Silhouetten-Animationen, davon „Die Bremer Stadtmusikanten“ (1954) als erster eindeutig von Reiniger inspirierte Animation. Klaus Jörg Herrmann, Schüler Böttges,  setzt die Tradition mit seinen eigenen Filmen fort, zuletzt mit „Der siebente Rabe“ (2011), ein 70-minütiger Silhouettenfilm über die Sagenfigur Krabat.
Eindrucksvoll ist auch The Mysterious Geographic Explorations of Jasper Morello (2005) von Anthony Lucas, der 2006 sogar für den Oskar nominiert war und als Silhouette-Animation eine vom Steampunk2 inspirierte Entdeckungsreise im Stile Jules Vernes erzählt.
Rall erläuterte, wie Formsprache und Farben die Faszination des Filmes im Stile Lotte Reinigers schafft und schloß die Frage an, warum ihre Formsprache bis heute so relevant bleibt. Die Antwort darauf sieht er im hohen Stilisierungsgrad, der neben einer besonderen Ästhetik eben vor allem eins bringt: Zeitlosigkeit.
Daran anschließend gab er Einblicke in Entstehung und Wirkung seiner eigenen Filme. Dabei ging es vor allem um den Einfluss südostasiatischer Kunsttradition, die nicht auf westliche Konzepte kopiert werden solle, sondern respektvoll als Grundlage für künstlerische Neuentwicklung dient. Dabei wird Reinigers Ansatz durch die Integration lokaler Einflüsse des originalen südostasiatischen Schattenpuppenspiels re-kontextualisiert. Dafür, so Rall, sei es wichtig „dem Geist des Quellenmaterials“ treu zu bleiben. Gerade die Verschmelzung verschiedenster Einflüsse ohne stilistische Brüche sei ein Erfolgskonzept. In dem Kontext erläuterte er ebenfalls die Entscheidungen bei den Entwicklungsprozessen des Films. Ähnlich wie sich Märchenerzähler ihren Stoff erschließen, muss überlegt werden, welche Elemente man als Kernelemente des Märchens brauche und welche man weglassen oder verändern kann, um am Ende eine verdichtete Handlung umsetzen zu können. Am Ende sieht er die aus all diesen Überlegungen entstehenden Werke als Hommage an die Kunstform des Animationsfilms.
Einblicke in Entstehungsprozesse eines Märchenfilms gab auch der folgende Referent Jörg von den Steinen, TV-Redakteur des ZDF in Mainz. Ziel des Vortrags war es darzustellen, wie sich aus dem Märchentext die filmische Dramaturgie entwickelt. Dafür hatte von den Steinen eine Wäschespinne im Raum aufgestellt, an welchen die verschiedenen Textpassagen des Wilhelm Hauffschen Märchens „Das kalte Herz“ hingen. In dem Folgenden sehr dynamischen und anschaulichen Vortrag, heftete der Referent die teils mit Anstreichungen versehenen Textblätter an der Wäschespinne immer wieder neu und erläuterte anhand dessen die dramaturgischen Überlegungen hinter diesen Veränderungen. Dabei nutzte er als Hauptbeispiel seine eigene Verfilmung des Märchens (2013), setzte sie aber in den Kontext von zwei weiteren deutschen Filmvarianten der letzten Jahre. Dadurch konnte er unterstreichen, wie der individuell gesetzte Fokus auf bestimmte Kernaussage der Filmteams, auch zu ähnlichen oder eben unterschiedlichen Entscheidungen in der Strukturierung der Handlung und dem Einsatz der Protagonisten und Nebenfiguren führen konnte.
Mit diesen Voreindrücken ging es am Abend in die Podiumsdiskussion unter der Leitfrage, die sich auch durch alle Vorträge gezogen hatte: „Warum sind Märchenfilme so erfolgreich?“. Diese erfolgte zunächst in Form von Werkstattberichten von Dr. Astrid Plenk (Nussknacker und Mausekönig, MDR/RB/ARD 2015), Ingelore König (Der Zauberlehring, MDR/ZDF 2017) und Dr. Irene Wellershoff (Die weiße Schlange, ZDF 2015). Damit hatten sich mehrere Experten aus dem Filmgeschäft zusammengefunden, die den Zuhörern Einblicke in ihre jüngsten Film-Märchenprojekte gaben. Begleitet wurde das Podium von Roland Kahn, Vorstand der Märchen-Stiftung Walter Kahn. Die Einführung und Moderation erfolgte durch Dr. Tilman Spreckelsen.
Hier kamen viele der am Tag gehörten Thesen erneut mit noch stärkerem Fokus auf den Schaffungsprozess auf. Zunächst gaben die Filmemacher aber spannende Einblicke in die Entstehungsprozesse der von ihnen vorgestellten Filme und erläuterten, welche Kriterien für die Struktur der Filme und Charaktere bedeutsam war. Dabei kam die Frage nach „Märchenfilm oder Filmmärchen“ auf, woraufhin eine Zuordnung der Filme stattfand. „Die weiße Schlange“ diente hier als Beispiel für eine klassische Interpretation eines grimmschen Märchens, dass als Erstverfilmung auch keine Rücksicht auf bereits andere Umsetzungen nehmen musste. Der durch Plenk vertretene Film „Der Nussknacker“ orientierte sich, mit teils starken Änderungen, an dem Kunstmärchen von E.T.A. Hoffmann, während „Der Zauberlehrling“3 die Ballade Goethes lediglich als Inspiration für die Umsetzung in eine Märchenhandlung nutzte und somit mehr „Filmmärchen“, als „Märchenfilm“ repräsentierte.
Anhand zahlreicher Ausschnitte aus den drei Filmen, wurden im Folgenden die Fragen des Abends erläutert. Zum Beispiel was einen Stoff eigentlich für einen Märchenfilm qualifiziert. Diese überraschende Frage der Moderation brachte das Podium erstmal gehörig ins Grübeln. Während Ingelore König recht allgemein mit „Magie und Moral“ antwortete, vertraten ihre Kolleginnen weiterführende Ideen, wenn auch „Magie“ bei allen eine Rolle spielte. Daneben seien aber auch „interessante Charaktere mit interessanten Konflikten“, eine dramatische Entwicklung und der Umgang mit einer Lebenskrise wichtig – ebenfalls keine spezifisch märchenhaften Filmvoraussetzungen. So erschien „eine unkomplizierte Sehnsuchtswelt mit Happy End, trotz großer Dramatik“ am Ende als zufriedenstellendste Antwort, auch für die Moderation. Denn beim Märchen ginge es eben auch darum, entspannt zu gucken, weil man wisse, dass sich am Ende alles gut auflösen werde – der „Eierlikör und Kuschelfaktor“. Im späteren Verlauf des Abends wurde dann noch der Aspekt der literarischen Vorlage hinzugezogen.  Märchen beruhen auf einem tradierten Stoff und sind nicht realitätsorientiert. Das mache sie reizvoll.
Dennoch zeigte sich – vor allem auf kritische Nachfragen aus dem Publikum, aber auch von Spreckelsen, dass die Auswahlkriterien fast ausschließlich marktorientiert waren. Kulturwissenschaftliche Auseinandersetzungen mit den Märchentexten schienen damit in der Filmbranche offensichtlich gar keine Rolle zu spielen – eine ernüchternde Einsicht für einige im Publikum.
Eine Frage, die am Abend immer wieder aufkam, war die nach dem historischen Setting. In welcher Epoche siedelte man die Geschichte (und daran gekoppelt die Kulissen, Kostüme und Handlung) an und an welchen Maßstäben orientierte man sich für diese Entscheidung? Der „Nussknacker“ wurde als Kunstmärchen simpel in seine Entstehungszeit gerückt – etwas was mit Volksmärchen nicht funktioniert. Ansonsten orientiere man sich z. B. an den als Kulisse dienenden Schlössern, aber auch an verschiedensten anderen Faktoren – die letztendlich ebenso häufig zu einer unbestimmten Mischzeit führen. Wichtig sei vor allem, dass trotz eines bestimmten Settings, der historische Stoff dem heutigen Publikum angepasst wird und am Ende trotz der Historizität „auf der Höhe der Zeit“ bleibe.
Dabei spielte auch die Frage der Finanzierung und die daran gekoppelten Möglichkeiten der Umsetzung in der Diskussion immer wieder eine Rolle.

Donnerstag 28. September 2017

Der Aspekt von Epoche und Zeit, der am Vorabend bereits angeklungen war, wurde am zweiten Tag von PD Dr. Ludger Scherer von der Universität Bonn aufgegriffen, der sich dem Thema „Der Chronotopos ‚Märchenzeit‘ und seine Inszenierung in ausgewählten Märchenfilmen“ widmete. Der Begriff des Chronotopos,  der sich aus den griechischen Wörtern chrónos = Zeit und tópos = Ort zusammensetzt und auf den russischen Literaturwissenschaftler Michail Bachtin zurückgeht, ist ein Begriff der Erzähltheorie und charakterisiert den Zusammenhang zwischen dem Ort und dem Zeitverlauf einer Erzählung.
Scherer arbeitet bei seinen Beispielen vor allem mit der Wirkung von Musik und Kulisse. So zeigt er, durch die Einspielungen aus dem amerikanischen Animationsfilm „Rapunzel – neu verföhnt“ (Tangelnd), wie durch einen Musikmix aus mittelalterlichen, vor allem keltischen und modernen amerikanischen Folkeinflüssen die Wirkung einer kleinstädtisch charakterisierten vagen „alten Zeit“ entsteht. Zusammen mit dem visuellen Eindruck von einem vagen frühzeitlichen Europa – oder dem amerikanischen Klischees davon – entsteht ein zeitlich abgerundetes Bild. Gleiches funktioniert auch für andere Epochen, ohne dass wirklich auf eine korrekte musikalische Nutzung geachtet werden muss.
Häufig finden sich gerade in Märchen eben nur grobe zeitliche Orientierungen. So bringt Scherer das unbetitelte Beispiel eines Märchenfilms mit Menuett-Tänzen aus dem 18. Jh., Gebäude aus dem 16. Jh. und Essensdekorationen aus dem Mittelalter – welches auch die offizielle Vergleichsebene sein sollte. Diese historischen Vermischungen zeigt er noch an weiteren Beispielen auf, wobei neben der Musik die Architektur der Drehorte den zweiten Schwerpunkt der Zeitanalyse darstellt. Häufig sind das Schlösser, Burgen, Freilichtmuseen und Nebenorte. Diese weisen in sich selbst meist eine historische Inkohärenz auf, durch Erweiterungen und Restaurierungen in verschiedenen Jahrhunderten, weshalb auch hier am Ende eine eklektische Wirkung einer „historischen Vorzeit“ entsteht.
Diese hat meist den Charakter eines vorindustriellen, sauberen Europas – ein klassisch romantischer Zugriff auf das Mittelalter – oder eine unscharfe, epochenübergreifende Neuzeit.
Diese These untermauert Scherer anhand mehrerer Filmbeispiele der letzten Jahre. Nicht ohne zunächst die zwei Märchenfilmreihen des ARD und ZFD, „6 auf einen Streich“4 und „Märchenperlen“5, in denen auch die Filme des Vortags erschienen sind, als zwei Qualitätsreihen im deutschen Fernsehen einzuordnen.
Am Ende des Beitrags steht fest, dass die entworfenen vergangenen Welten zwar stets mit Detailliebe, aber ohne sozialkritischen Blick für die Zeit oder historische Korrektheit entstehen. Dies schade den Märchen aber nicht, da diese selbst auch in einer unbestimmten Zeit spielen und gerade durch ihre assoziative Offenheit funktionieren.
Einer Publikumsbemerkung, die „Beliebigkeit“ der zeitlichen Darstellung vorwarf, negierte er entschieden. Es gäbe viele Gründe für die Wahl der historischen Kulisse – auch Geld sei einer davon – es würde aber das Ziel im Zentrum stehen „ein stimmiges historisches Bild“ anhand des Drehortes zu schaffen.
Historische Schlösser bildeten auch die Kulisse für das Märchen, dessen Verfilmungen im Vortrag von Dr. Irene Wellershoff, Redaktionsleiterin beim ZDF Kinderprogramm, in den Fokus genommen wurde: Die Schöne und das Biest.
Dabei setzte sie drei Verfilmungen in den direkten Vergleich, um die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten von Märchen in Filmumsetzungen aufzuzeigen: “La Belle et la Bête” von Jean Cocteau aus dem Jahr 1946, “Die Schöne und das Biest” von Marc-Andreas Bochert von 2012 und Christophe Gans Verfilmung von 2014.
Angesichts der Textgrundlage, so Wellershoff, schienen die Macher sich alle mit den gleichen Fragen konfrontiert zu sehen, haben aber unterschiedliche Lösungen gefunden. Die Ursachen darin sieht sie in verschiedenen Faktoren: Zum einen waren die Filme auf ein unterschiedliches Zielpublikum ausgerichtet, zum anderen gab es unterschiedliche „harte Faktoren“ wie Budget und Zeit.
Das zeigte sie anhand von verschiedener Handlungsstellen im Märchen und ihrer jeweils filmischen Darstellung, so die Darstellung der magischen Grenze vor dem Schloss, der erste Auftritt der Protagonistin und der erste Auftritt des Biestes. Daran verdeutlichte sie, wie die Umsetzung der Szenen auch ihre Rollen für die Gesamthandlung verändern kann.
Gerade durch die ungewollte Komik der historischen schwarz-weiß Verfilmung von Jean Cocteau, zeigte sich außerdem anschaulich die Veränderung des Filmgeschmacks des Publikums. Auch die Frage der Farbwirkung wurde, vor allem an dem mit opulenten Bildern im Film von Gans, auch in Rückfrage vom Publikum umfassender erläutert.
Wenn auch wenig mit erzählwissenschaftlichen Material unterfüttert, bildete der Vortrag einen höchst spannenden und anschaulichen Beitrag, der stark auf den bisher gelieferten Input der Tagung aufbauen und Thesen vertiefen konnte.
In ein ganz anderes filmisches Gebiet entführte Anna Stemmann, vom Institut für Jugendbuchforschung an der Goetheuniversität Frankfurt a. M., zum Thema: „Wenn die Grimms nach Springfield kommen. Populärkulturelles Spiel mit dem Märchen-Archiv“. Sie entführte in die animierte Welt der berühmten amerikanischen Trickfilmserie „The Simpsons“, die seit 1989 in über 28 Staffeln über die Bildschirme flimmert. Dieser Exkurs stand im Fokus der vielfachen Verwendung (vor allem grimmscher) Märchenmotive in der Serie. Diese untersuchte sie mithilfe der populärkulturellen „Memes“6, die besonders gut die Transformationen populärer Medienbilder mit Märchenmotivik zeigten.
Dass dies funktioniert liegt daran, dass viele der Märchenelemente allgemein bekannte tradierte Motive sind – sowohl als Bild wie auch Schrift –, die deshalb auch transformiert verwendet werden können. Häufig wird hier mit der Parodie gearbeitet. Diese ist vor allem in der Serie „The Simpsons“ eines der grundlegenden Elemente der gesamten Handlung. In der Serie wird jedoch keine fortgesetzte Geschichte mit Entwicklung erzählt, sondern ist strukturiert durch viele in sich abgeschlossene Episoden im gleichen Setting. Dadurch funktioniert auch die Verwendung bekannter Film- und Textikonen, selbst wenn sich ihr Kontext verschiebt (z. B. die Verwendung von Bioäpfeln bei Schneewittchen zentral wird). Damit sind diese Szenen – und daraus entstehende Memes – ein diskursiver Speicher der Populärkultur.
Weg von dem Märchenfilm, hin zur Serie, widmete sich auch die Literaturwissenschaftlerin Anika Ullmann der Frage nach dem „Märchen vom verlorenen Happy End – Once Upon a Time und dem seriellen Erzählen“. Entgegen den Märchen, die eine abgeschlossene Handlung haben, erfordere das Format der TV-Serie ein offenes Erzählen, um dem Fortsetzungscharakter gerecht zu werden. Die Serialität wird dadurch zum dominanten Motiv der Handlung. Folge davon ist vor allem ein Ausbau der Charaktere, die mit umfassenden Hintergrundinformationen und Charaktereigenschaften zu komplexen dreidimensionalen Figuren ausgebaut werden.
Den Einstieg in die Serie bot die Texttafel: „One day they found themselves trapped in a place where all their happy endings were stolen. Our World.” “Unsere Welt” ist dabei in der Tat eine in Amerika angesiedelte Stadt in unserer Zeit, die parallel zur ursprünglichen Märchenwelt existiert und in welcher die Handlung fast vollständig spielt. Das „Happy End“ wird zum Ziel der Serie und vor allem von den Charakteren ständig thematisiert. Der Aufbau von Spannungsbögen bietet statt dem „Happy End“ im Verlauf der Serie mögliche „Happy Beginnings“ für die Figuren an. Dabei werden innerhalb der Handlung immer wieder Märchen im Märchen erzählt, womit die Serie offene und geschlossene Strukturen in der Erzählung kombiniert. Die den Protagonisten und der Handlung zugrunde liegenden Muster sind dabei eindeutig die Disneyinterpretationen der Märchen. Dadurch kommen neben allgemein bekannten Grimmfiguren, wie Schneewittchen und Rumpelstilzchen, auch Figuren vor, die vor allem aus dem aktuellen Disneykino der letzten Jahre bekannt sind, wie Elsa aus „Frozen“. Über diesen Film und „Enchanted“ spannt die Rednerin auch einen Bogen vom Beginn des Vortrags auf das Ende, denn in beiden findet sich eine klassische Liebesgeschichte der zwei Protagonisten, die sich gar nicht kennen, aber ‚wahre Liebe‘ vermuten. Am Ende stellt sie sich als falsche Liebe heraus – die wahre müsse man sich erst mühevoll erkämpfen und jemanden wirklich kennen lernen. In der Serie wird das durch den zentralen Spruch: „If true love was easy, we‘d all have it“ repräsentiert. Darüber übt Ullmann auch klare Kritik an heterosexueller Ausrichtung der Serie mit dem klaren Fokus der Paare mit Hochzeit und Kind als „Happy Beginning“. Vor allem dieser Genderaspekt wird auch in der anschließenden Diskussion aufgegriffen, in welcher es hitzig um die Debatte geht, ob sexuelle Orientierung in Märchen verändert werden oder überhaupt stärker thematisiert werden sollte oder nicht.
Anika Ullmann leitete im Anschluss auch einen der zwei Workshops, in welchen die Teilnehmer aktiv an den märchenhaften Themen arbeiten konnten. Die Referentin wendete sich erneut einem Serienthema zu, der tschechoslowakischen Fantasy-Kinderserie „Die Märchenbraut“ des Regisseurs Václav Vorlíčekdie, die zwischen 1979 und 1981 erstausgestrahlt wurde.
Nach einer Einführung in die Welt der Serie, ging es vor allem um textliche Fragestellungen. So widmete sich die Gruppe der Frage, welche Rolle die Märchentexte in der Serie spielen, wie sie in die Handlung eingebaut wurden und welche Eigenschaften der Märchen benutzt werden. Zahlreiche Ausschnitte lieferten dabei die Diskussionsgrundlage, die auch ausgiebig genutzt wurde. Die überschaubare Gruppengröße förderte dabei die gute Interaktion und Stimmung der Gruppe, in der vor allem auch durch die divergente Altersstruktur ein spannender Austausch entstand.
Den zweiten Workshop leitete Ron Schlesinger zum Thema „Farbe, Kostüm, Maske – Wie Märchenfiguren mit filmischen Mitteln charakterisiert werden“. Er verwies gleich zu Beginn auf die Flächenhaftigkeit des Märchens, wie Lüthi sie charakterisiert. Bei der Umsetzung seien drei wichtige filmische Mittel deshalb die Kleidung, Haare und einzelne Körperteile, über die fehlende Tiefenbeschreibungen der Figuren optisch geliefert werden. Dabei spielt vor allem die Farbe eine zentrale Rolle. In Märchen seien besonders Rot, Weiß und Schwarz, sowie metallische Farben wie Gold, Silber und Kupfer im Einsatz beliebt. Schlesinger arbeitet dabei vor allem mit den Aufsätzen von Hans J. Wulff, der sich intensiv mit den signifikanten Funktionen der Farben im Film auseinandergesetzt hat. Diskutiert wurden unter anderem Farbmodalitäten wie sie sich im Farb- und im Schwarzweiß-Film unterscheiden und Vorzugsfarben, die durch ihre Dominanz im Film allgemeine inhaltliche Tendenzen anzeigen können.
Im zweiten Teil wurden verstärkt Kostüme und Masken thematisiert, die ebenfalls Personen und die gesamte Filmhandlung charakterisieren können. Aber eben auch Gegenstände, Kulisse und Beiwerk, wie die Gruppe sich an verschiedenen Beispielen gemeinsam erarbeitete und an dessen Ende wohl für die Zukunft eine vertiefte Aufmerksamkeit bei den nächsten Märchenfilmen stand.

Höhepunkt war wie jedes Jahr die Verleihung des mit € 5.000,- dotierten Europäischen Märchenpreises, welcher seit 1986 an natürliche Personen oder Organisationen vergeben wird, die sich um den Stiftungszweck besonders verdient gemacht haben. Dieses Jahr wurden zwei französische Preisträgerinnen geehrt, Dr. Nicole Belmont und Alice Joisten. Letztere nahm, nach einer rührenden Laudatio von Christine Shojaei Kawan, zusätzlich zu ihrem auch den Preis für Frau Belmont entgegen, die aus Krankheitsgründen leider verhindert war.
Darüber hinaus wurde erneut der wissenschaftliche Nachwuchs mit zwei Preisen gefördert. Den Lutz-Röhrich-Preis gewann Lina Sophie Dolfen mit ihrer mutigen Masterarbeit im Fach Kunstgeschichte der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn mit dem Titel „Die Märchenbilder von Wassily Kandinsky. Zum Phänomen des visuellen Märchens in Kandinskys Frühwerk“. Die Laudatio hielt Rainer Wehse.
Der Gesonderte Förderpreis ging an Janin Pisarek für ihre Arbeit „‘Wer hat Angst vorm bösen Wolf?‘ Wolf und Werwolf als Sagengestalten und im deutschen Volksglauben unter Einbezug der Rückkehr des Wolfes in Deutschland.“7 Susanne Hose fasste die Arbeit und die Leistung der jungen Wissenschaftlerin anschaulich für das Publikum zusammen.
Gerahmt wurde das Programm neben Harfenmusik von Rosemarie Seitz durch zwei exzellente Kurzvorträge zum französischen Märchen von Natacha Rimasson-Fertin, von denen wir uns auch in einer weiteren Ausgabe des Märchenspiegels in Kürze einen Eindruck machen können. Insgesamt war der Abend im höchsten Maße stimmig. Die exzellenten Redebeiträge und passend gewählte französische Harfenmusik untermauerten die feierliche Gesamtstimmung der Veranstaltung. Bei lokalem Wein und Häppchen wurde die angenehme und lockere Atmosphäre beim anschließenden Empfang ausgiebig zum Austausch der diesmal sehr gemischten Teilnehmer und Referenten genutzt.

Freitag, 29. September 2017

Der letzte Tag führte erneut zurück zu den aktuellen Märchenfilmen von ARD und ZDF. Mit der Frage „Märchenfilme für die Digital Natives oder doch für deren Omas und Opas?“ stellt sie Prof. Dr. Dieter Wiedemann von der Filmuniversität Babelsberg in den Vergleich mit früheren Kinofilmen.
Dass viele Märchen immer wieder verfilmt werden, begründet er wie auch Irene Wellershoff zuvor, mit dem wechselnden Zeitgeist. Jede Generation brauche ihre eigenen Kommunikationsangebote. Spannend werde das z. B., wenn man sich die Doppelverfilmungen von der DDR und BRD ansieht. So gab es von Rumpelstilzchen und Schneewittchen je drei Verfilmungen, zwei im Westen und einer im Osten, in welchen man ideologische Indoktrination der zwei Staaten gut herauslesen kann. Dass alle Verfilmungen sich nah an den grimmschen Fassungen orientieren, zeige aber gleichzeitig die durchgängige Aktualität der Texte, bei wechselnden Ansprüchen an den Film.
Wiedemann wirft die Frage auf, ob die aktuell zunehmenden Umsetzungen von Märchen als Serien den Märchenfilm ablösen können. Die Antwort darauf zeigt, ähnlich wie es sich auch in der Podiumsdiskussion herauskristallisiert hatte, dass Entscheidungen für das Format und auch die Länge des Films sich an rein kommerziellen Maßstäben orientiert und nicht die Verarbeitung des Märchens im Fokus steht. So wird die Filmlänge z. B. daran gemessen, ob das Hauptgeschäft mit der TV-Ausstrahlung oder den DVDs gemacht werden könne, z. B. im Weihnachtsgeschäft.
Wiedemann wirft bei seinen Überlegungen auch immer wieder Brücken in die Filmgeschichte. So seien in den 50er Jahren erste Dialoge aufgekommen, ob man Märchen mit echten Menschen darstellen kann oder nur gezeichnet und mit Puppen. Umfassend widmet er sich dem, nach seiner Entstehung in der DDR, nie ausgestrahlten DEFA Film „Das Kleid“, welcher eine Adaption von „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen darstellt. Der Film von Egon Günther, inszeniert von Konrad Petzold, wurde 1961 produziert und war stark politisch gefärbt. Da viele der politischen Anspielungen an Zeitwissen gebunden sind, versprechen sie keine dauerhafte Funktionalität. Märchenfilme müssten deshalb stets in ihrer zeitlichen und politischen Gebundenheit gesehen werden. Problematisch für das Märchen wurde, dass sie – noch kurz vor dem Mauerbau – unter anderem Szenen zeigten, in welchen die Protagonisten auf der Suche nach einem besseren Leben versuchen, die Mauern der kaiserlichen Stadt zu überwinden. Neben diesen politischen Aspekten, rückt Wiedemann aber vor allem die technischen Details in den Fokus, wie die Vermischung mit Animationseinlagen und Arbeit mit Split-screens.
Wiedemann merkt zum Ende an, dass gezielte Vergleiche von DEFA Filmen mit neuen Verfilmungen noch ein großes Forschungsdesiderat bilden, die gerade als studentische Abschlussarbeiten noch großes Potenzial besitzen – eine Anmerkung die vor allem bei dem studentischen Publikum für Aufmerksamkeit sorgte.
Den Abschlussvortrag der Tagung lieferte mehr als würdig Prof. Dr. Ingrid Tomkowiak von der Universität Zürich zum Thema: „Capture the Imagination. 100 Jahre Disney-Märchenfilme”. Disney-Verfilmungen waren zwar im Verlauf der Tagung ganz unweigerlich immer wieder als Beispiele in den Vorträgen herangezogen wurden, jetzt wurde ihnen aber tiefergehend auf den Zahn gefühlt. Dabei sah Tomkowiak „Disney“ nicht nur als das Schaffen eines Weltkonzerns, sondern auch ein eigenständiges kulturelles Phänomen mit vielen Wirkungswelten.
Dass dieses Phänomen auch mit Märchen zusammenhängt, zeigt sich seit dem Beginn der Erfolgsgeschichte „Disney“, die bekannte Stoffe immer wieder verarbeiteten. Im Jahr 1921 gründete der Zeichner Walt Disney das Kurzfilmstudio „Laugh-O-Grams“ und produzierte vor allem Kurzfilme für das Abendprogramm, also für ein erwachsenes Publikum. Mit dabei z. B. „little red riding hood“ von 1922. Es folgten unter anderem „Jack & die Bohnenranke“, „Goldlöckchen & die drei Bären“, „Der gestiefelte Kater“ und „Cinderella“.
Durch die Modernisierung des Stoffes sollten die „Märchen dem Volk zurückgegeben werden“. Kritisch betrachtet waren die animierten Kurzfilme aber als humoristische Abendunterhaltung ausgelegt und somit mehr „Parodie“ des Märchens und keine ernsthafte Bearbeitung der Texte.
Nach dem Erfolg der Micky-Maus-Filme, riefen Walt Disney und der Komponist Carl Stalling 1929 die Reihe „Silly Symphonies„ ins Leben. Bei diesen Zeichentrickfilmen, die bis 1939 produziert wurden, sollte, wie der Name bereits andeutet, die Musik mehr in den Fokus gerückt werden. An Märchen angelegt entstanden dabei die Filme „Babes in the woods“ und „Tree little Pigs“. Innerhalb dieser Zeit übernahm Walt Disney auch ein Farbfilmsystem für seine Animationen. Die Erfahrungen in der Kurzfilm-Herstellung aus dieser Zeit flossen in die Entwicklung von Disney ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (orig. Snow White and the Seven Dwarves) ein. Mit diesem startete 1937 die Ära der „klassischen Märchenfilme“, für die auch das Motto der „illusion of life“ war. Umfassende Bewegungsstudien und realgefilmte Szenen dienten als Zeichenvorlage, damit individuelle emotionale Wirkung möglich wurde. Das phantastische wurde „echt“. Mit dieser Mischung aus Emotion, Fantasie und Moral, kombiniert mit unterhaltsamen Elementen und der Geschichte von „Underdogs“, die durch den gemeinsamen Zusammenhalt alles erreichen konnten, wurde Schneewittchen eine erfolgreiche Unterhaltung für die gesamte Familie. In der „Cinderella“ Verfilmung von 1950 wurde noch mehr Realismus und Detailtreue in der Animation umgesetzt. Auch das erneute Einsetzen von tierischen Helfern verspricht ein Erfolgskonzept. Bei „Dornröschen“ wird zusätzlich versucht, eine historische Akuratess einzubinden, die aber über den Geschmack der Zuschauer hinausschießt, da sie den Fokus zu weit weg von der Handlung auf die Darstellung legt – aber gerade diese in ihrer Comichaftigkeit ihren Reiz ausspielte.
Im Jahr 1966 stirbt Walt Disney. Sein Studio wird aber weiter geführt und bringt 1989 mit „Ariell“ erneut eine Märchenverfilmung auf den Markt. Dieser lockt vor allem mit farbenprächtigen Bildern und eingängiger Musik. So wurden über 100.000 einzeln gezeichnete Luftblasen in den Animationen eingesetzt, die Aufgrund des Aufwands in China hergestellt wurden.
Die deutlich „amerikanisierten“ Filme, die klare Genderstereotypen bedienten,  erhielten mit „The Beauty and the Biest“ (1991) erstmals eine starke, belesene junge Frau als Protagonistin. „Aladdin“ (1992) wiederum bemüht sich wenig darum, sich von Klichees der arabischen Welt abzuwenden und muss im Nachhinein wegen Rassismusvorwürfen sogar den Text im Opening Song ändern.
Auch in späteren Disneyfilmen werden die Charaktere zwar vom Aussehen “ihrer Welt” angepasst, bedienen damit aber hauptsächlich westliche Vorstellungen derselben. Das zeigt sich auch mit Prinzessin Tiana aus „The Princess and the Frog“ (2009), welche die erste afroamerikanische Protagonistin der Disney-Märchen-filme ist und sich mit harter Arbeit im New Orleans der 20er Jahre nach oben arbeiten muss – anders als die anderen Prinzessinnen, denen ihr Glück meist durch die Umstände in den Schoß fällt.
Letztendlich steht aber in allen Filmen stets eine kreierte Illusion der schönen und perfekten Welt im Fokus, in welcher der Glaube und die Liebe alles schaffen kann. Erst mit „Frozen“ (2013) kommen zwei weibliche Protagonistinnen ins Spiel, von welchen eine als kluger, selbstständiger Charakter bewusst ohne Partner bleibt und die Verantwortungsvolle Regierung des Landes ohne Mann an ihrer Seite bestreitet. Was die kommenden Jahre bringen werden, wird sich noch zeigen. Doch dass Märchen als Erfolgskonzept von Disney weiter bearbeitet werden und durch ihren Erfolg die Rezeption der Märchen weiter prägen, scheint außer Frage.
Die kurzfristigen Programmausfälle im Vorfeld wurden von dem Veranstalter schnell und mit guten Ersatzvorträgen gefüllt, ohne dass Lücken im Programm entstanden wären oder es eine qualitative Minderung der Tagung gegeben hätte. Sarah Schurtzmann, Studentin der Volkskunde/Kulturgeschichte kurz vor dem Abschluss aus Jena, resümiert auf Rückfrage:
„Ich war schon mehrere Male bei der Tagung und jedes Mal wieder begeistert. Dieses Jahr fand ich vor allem die neuen Ansatzpunkte durch den anderen Fachzugang für mich als Erzählforscher interessant. Die Vorträge waren nicht nur inhaltlich, sondern auch von der Qualität der Vortragsart absolut hochwertig und die Preisverleihung eine würdige und schöne Veranstaltung. Ich mag die produktive und kollegiale Atmosphäre der Tagung, die inspirierend und motivierend für die eigene Arbeit ist.“
Auch sonst herrschte eine positive allgemeine Stimmung am Ende der erfolgreichen Tagung. Wenn auch hier und da die schmunzelnde Bemerkung laut wurde, die deutsche Märchenfilmbranche bräuchte dringend Erzählforscher in ihren Sitzungen, um die Ansätze vom rein kommerziellen Erfolg auf die Erzählstruktur des eigentlichen Märchens zurückzuführen. Das hatte sich vor allem in den Publikumsdiskussionen immer wieder herausgeschält.
Gefüllt mit all diesen neuen Inhalten und dem aktiven Austausch mit den Referenten nahm man Freitagmittag schließlich Abschied.

Die Stiftung bedankt sich bei allen Teilnehmern und freut sich auf nächstes Jahr, wo vom 19. bis 21. September 2018 die Märchentage unter dem Schwerpunkt „Alter & Altern im Märchen“ in Münsterschwarzach stattfinden werden.

Pauline Lörzer

Anmerkungen

1.Siehe hierzu den Artikel Gersdorf, Lisa: „Ein Bär ist kein Löwe“ im MSP 3/17.

2. Steampunk ist eine Retro-Futuristische Subkultur, die sich aus einer literarischen Strömung der 1980er Jahre entwickelt hat. Dabei werden einerseits moderne und futuristische technische Funktionen mit Mitteln und Materialien des viktorianischen Zeitalters verknüpft, wodurch ein deutlicher Retro-Look der Technik entsteht.

3. „Der Zauberlehrling“ wird am Heiligabend, 24. Dezember 2017 im ZDF erstausgestrahlt.

4. Sechs auf einen Streich beziehungsweise Acht auf einen Streich verfilmt Märchen bzw. Motiven aus Märchen, Erzählungen und Gedichten der Brüder Grimm, Hans Christian Andersens, Ludwig Bechsteins, Božena Němcovás, Christoph Martin Wielands, E. T. A. Hoffmanns und Hoffmann von Fallersleben, die das Erste Deutsche Fernsehen im Weihnachtsprogramm des jeweiligen Produktionsjahres erstmals ausstrahlt.

5. Märchenperlen verfilmt seit 2005 bis auf zwei Ausnahmen (2012, 2014) Märchen, die auf den Geschichten der Gebrüder Grimm basieren. Die Erstausstrahlung erfolgte in der Regel im Weihnachtsprogramm des ZDF.

6. Memes sind die verbreiteteste Unterform von Internetphänomen (auch Internet-Hype oder virales Phänomen) wird ein Konzept in Form eines Links oder einer Bild-, Ton-, Text- oder Videodatei bezeichnet, das sich schnell über das Internet verbreitet.

7. Eine umfassendere Vorstellung der Preisträger erfolgte im letzten Märchenspiegel und findet sich auf der Homepage der Stiftung und soll deshalb hier nicht noch einmal wiedergegeben werden.

Einblicke in die Märchentage und Preisverleihungen 2017

Sabine Wienker-Piepho über Märchen, im Radiointerview mit Deutschlandfunk Kultur

Beitrag vom 24.11.2017

„Das Lieblingsmärchen gibt Ihre gesamte Psyche preis“

Sabine Wienker-Piepho im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Beitrag hören:

Trotz Netflix und Co. gibt es heute rund 1.000 professionelle Märchenerzähler. Angst, Liebe, Hass – in Märchen werden psychologische Konflikte verarbeitet. „Das Märchen transportiert Wahrheiten“, sagt Sabine Wienker-Piepho, Professorin für Volkskunde.

Liane von Billerbeck: Das kennen Sie, oder? Das war die Musik von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, zu dem Märchenfilm, der seit Jahren ja Kultstatus hat für inzwischen bestimmt drei Generationen, und in der bevorstehenden Adventszeit, in der Sie diesen Film garantiert wieder sehen können, über Märchen zu sprechen, da braucht es eigentlich keinen besonderen Grund und auch sonst nicht. Wenn Sie einen brauchen, heute wird in Meiningen der Thüringer Märchen- und Sagenpreis verliehen. Er geht diesmal an die türkische Erzählerin Nazli Cevic Azazi. Und was für viele Menschen, Kinder wie Erwachsene, alltäglich war, das Lesen, Vorlesen, Hören und Sehen von Märchen, gilt das eigentlich noch? Die Frage wollen wir uns stellen, ob Märchen eigentlich noch immer unverzichtbarer Bestandteil unseres Lebens ist. Sabine Wienker-Piepho ist Professorin für Volkskunde, Mitglied am Vorstand der Märchenstiftung Walter Kahn, die den Preis vergibt, und sie hat die Tagung auch organisiert, die heute in Meiningen stattfindet. Jetzt ist sie dort am Telefon. Schönen guten Morgen!

Sabine Wienker-Piepho: Guten Morgen!

Billerbeck: Was bitte ist denn eigentlich ein gutes Märchen?

Wienker-Piepho: Diese Frage ist ganz leicht zu beantworten. Ein gutes Märchen ist ein Märchen, das sich im Lauf der Jahrtausende durchsetzt oder durchgesetzt hat, und es ist sehr interessant, dass die Brüder Grimm, die die Märchen ja nicht geschrieben und gedichtet haben, sondern gesammelt haben – wobei eine große Rolle spielt, wo sie sie her haben und wer ihre Gewährspersonen waren –, die Brüder Grimm hatten noch ein ganz anderes Gut-Schlecht-Kriterium: sie haben nämlich gesagt, der „Froschkönig“ ist eins der ältesten und der schönsten Märchen, und deshalb stellen wir es als Nummer Eins an den Anfang unserer Sammlung, die mehr als 200 Märchen umfasst.

Wir kennen meist nur die „Leitmärchen“

Von diesen 200 Märchen sind nur noch vielleicht 20 bekannt, und die nennen wir Leitmärchen – die restlichen Märchen kennt niemand –, und zu diesen Leitmärchen gehört eben der „Froschkönig“ bis heute, und ich spreche jetzt auch international, das „Dornröschen“, das „Rotkäppchen“, das heißt in Frankreich „Le Petit Chaperon rouge“, und das gibt es auf der ganzen Welt wie die anderen Leitmärchen auch und so weiter. Also was sich durchgesetzt hat und was alt ist, das war damals die romantische Kontinuitätsprämisse, wenn man so will.

Billerbeck: Interessant ist ja, dass es ausgerechnet der „Froschkönig“ ist, aber offenbar küssen wir alle gerne einen Frosch, wenn am Ende ein Prinz rauskommt. Wie viel Wahres darf denn an einem Märchen sein, ohne den Zauber des Vagen und des Nichtbewiesenen zu zerstören?

Wienker-Piepho: Das ist eine sehr, sehr schwierige Frage. Mein Lehrer, der berühmte Professor Röhrich, hat seine Habilitation zu dem Problem geschrieben Märchen und Wirklichkeit. Wissen Sie, das Märchen, das transportiert Wahrheiten, die Sage hingegen ist eine andere Gattung, und die hat einen Wirklichkeitsanspruch, die will geglaubt sein, das Märchen nicht.

Billerbeck: Märchen vermitteln ja seit Menschengedenken, und Sie haben es ja auch schon gesagt, ein gutes Märchen ist, was es über Jahrtausende geschafft hat zu bleiben in der Erinnerung der Menschen, im Weitererzähltwerden. Märchen erzählen und vermitteln ja Erfahrungen, Wünsche, Träume, Bräuche, Identität. Gilt das heute auch noch?

Märchen waren immer schon global

Wienker-Piepho: Ja, vor allen Dingen ist die Identitätsfrage heute ganz, ganz wichtig. Wenn wir an die kulturelle, die es ja auch gibt, Globalisierung denken, dann sind plötzlich Identitäten wieder ganz wichtig und in einem ganz anderen Sinne. Also Clifford Geertz hat mal gesagt, je mehr die Dinge zusammenrücken, desto mehr bleiben sie getrennt, und das versuchen nun sehr viele Menschen zu beweisen, dass das Märchen, meinetwegen „Schneewittchen“ aus Bad Wildungen kommt oder so irgendwas, das geht nicht, das kann man mit Märchen nicht machen. Man kann Märchen nicht lokalisieren. Sagen sehr wohl, Märchen nicht. Das liegt an ihrer internationalen Verbreitung. Wir haben das gleiche Märchen von „Rotkäppchen“ auch auf Madagaskar. Das ist für unsere Studenten immer der erste Schock, wenn sie das lernen.

Billerbeck: Heute wird ja nicht nur der Märchen- und Sagenpreis verliehen, der Thüringer, in Meiningen …

Wienker-Piepho: Ja, übrigens nicht von der Walter-Kahn-Stiftung verliehen.

Billerbeck: Auweia.

Wienker-Piepho: Wir verliehen auch einen Preis. Dieser Preis wird von der Stadt Meiningen, die unterstützt wird von der Hessischen Sparkassenvereinigung, verliehen, aber die Walter-Kahn-Stiftung verleiht ihn jährlich. Hier findet das nur alle zwei Jahre statt, und wir verleihen ihn immer in Volkach.

Billerbeck: Danke für die Richtigstellung!

Wienker-Piepho: Ja, bitte!

Billerbeck: Ich hoffe, ich bin jetzt in Meiningen nicht Persona non grata, weil ich die Stadt da rausgelassen habe.

Wienker-Piepho: Nein, ganz gewiss nicht! Nein, Frau Billerbeck, machen Sie sich keine Sorgen!

In Märchen werden Ängste und Wünsche verarbeitet

Billerbeck: Sie veranstalten ja auch ein Märchensymposium, und da geht es unter anderem um Märchen und Angst. Ist Angst auch so ein universelles Märchenthema?

Wienker-Piepho: Absolut. Wie alle psychologischen Grundsituationen und anthropologischen Grunderfahrungen werden im Märchen auch Ängste verarbeitet, und man sagt nun – das ist sehr interessant –, man sagt, eigentlich ist das Märchen eine Wunscherfüllungsdichtung, während die Sage eine Angstdichtung ist, sagt man.

Billerbeck: Wie muss man denn Märchen erzählen, um Menschen zu erreichen? Gibt es da eine besondere Art oder kann man so ein Märchen auch einfach runterlesen?

Es gibt 1.000 professionelle Märchenerzähler

Wienker-Piepho: Also das ist ein ganz großes Thema gegenwärtig, denn ob Sie es glauben oder nicht, wir haben inzwischen über 1.000 professionelle Märchenerzähler und -erzählerinnen, meistens sind es Damen, und die haben sich inzwischen auch zu einem eigenen Verband zusammengeschlossen und konkurrieren sehr. Es gibt unterschiedliche Schulen: manche erzählen wörtlich, andere erzählen frei, und da gibt es auch sehr unterschiedliche Talente und Begabungen, aber das ist eine außerordentlich schwierige Frage, die auch mit der Situation zusammenhängt. Wir können in einer Schule Märchen erzählen oder in einem Altenheim, oder Sie können andere Menschen erreichen mit ganz unterschiedlichen Erzählstrategien.

Billerbeck: Dann habe ich natürlich noch die Frage zum Schluss, also mein Lieblingsmärchen von den Grimm-Brüdern ist ja „Die zwei Brüder“.

Wienker-Piepho: Ach was!

Billerbeck: Das hat, glaube ich, 24 Seiten oder sowas. Das habe ich meinen Kindern immer vorgelesen, wenn die krank waren.

Wienker-Piepho: Das ist ja interessant, –

Billerbeck: – weil es so besonders lang war.

Wienker-Piepho: Ja, gut.

Was das Lieblingsmärchen über die Psyche verrät

Billerbeck: Was ist denn Ihr Lieblingsmärchen?

Wienker-Piepho: Wissen Sie, dass diese Frage nicht beantwortet wird von Fachleuten? Es gibt nämlich einen entscheidenden Aufsatz eines dänischen Kollegen, und der hat geschrieben – „Mein Lieblingsmärchen“ heißt der Aufsatz –, und der hat bewiesen, dass wenn Sie das preisgeben, dann geben Sie Ihre gesamte Psyche preis!

Billerbeck: Oha!

Wienker-Piepho: Aber ich liebe sehr das „Rumpelstilzchen“, das ist sehr archaisch. Das mag ich sehr gerne, und ich finde es auch streckenweise richtig komisch, aber das liegt eben auch an der Art des Erzählens. Also ich habe mich jetzt geoutet!

Billerbeck: Okay, dann haben wir uns beide geoutet! Ich danke der Volkskundlerin Sabine Wienker-Piepho als Vorstandsmitglied der Märchenstiftung Walter Kahn, haben wir über die Bedeutung von Märchen gesprochen. Herzlichen Dank und Ihnen einen schönen Tag und eine interessante Tagung!

Wienker-Piepho: Danke schön! Ich danke Ihnen! Auf Wiedersehen!

Billerbeck: Gerne, gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Angaben sind der Homepage entnommen.

Märchenspiegel 3/2017

Inhalt des aktuellen Märchenspiegel – Heft 3/2017

BEITRÄGE

  • Gundula Hubrich-Messow – Inseln und fantastische Orte in schleswig-holsteinischen Volkserzählungen
  • Udo Reinhardt – Das ‚Potipharmotiv‘ und Verwandtes in der orientalischen Erzähltradition
  • Sandra Kastenbauer – Die Macht der Haare – Haar-Motive aus Märchen, Antike und Aberglaube in Rapunzel-Verfilmungen
  • Lisa Gersdorf – Ein Bär ist kein Löwe

MELDUNGEN

Ankündigung Preisträger 2017

  • Lutz-Röhrich-Preis und Gesonderter Förderpreis 2017
  • Europäischer Märchenpreis 2017

Porträts

  • Geschichten rund um Walter Kahn

BERICHTE

  • Jürgen Janning – Wer erzählt wem? Ein Besuch in der „Morning Glory School“ in Südindien
  • Sigrid Maute – 6. Treffen der deutschsprachigen Erzählkünstler auf Burg Feuerstein

Lutz-Röhrich-Preis 2017 für Lina Sophie Dolfen, Gesonderter Förderpreis für Janin Pisarek

Pressenotiz, September 2017

Der Lutz-Röhrich-Preis geht in diesem Jahr an Lina Sophie Dolfen für ihre Masterarbeit 2016 im Fach Kunstgeschichte der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn mit dem Titel „Die Märchenbilder von Wassily Kandinsky. Zum Phänomen des visuellen Märchens in Kandinskys Frühwerk“.
Wenn man glaubt, alle Themen eines Fachs seien ausgeschöpft: Dem ist nicht so! Frau Dolfen bringt einen fast völlig neuen, eigenständigen, bisher kaum angerissenen Ansatz ins Spiel: Sie interpretiert die frühen Bilder Kandinskys nicht nur als Bilder – und schon gar nicht als Märchenillustrationen – sondern als eigenständige visuelle Märchen. Und sie beweist es scharfsinnig, indem sie die Kategorien des berühmten Märchenforschers Max Lüthi an Kandinskys Kunstwerke anlegt. Ein mutiges Unterfangen. Mutig erscheint auch ihre begründete, immer plausible Kritik an bisherigen kunstgeschichtlichen Interpretationen. Sich gegen etablierte Meinungen zu stellen, ist für eine Studentin eher außergewöhnlich.
Frau Dolfens echte Forschungsarbeit bereichert das Thema „Märchen“ um einen weiteren, neuen Blickpunkt. Sie hat den Preis wirklich verdient!
Für die Märchen-Stiftung Walter Kahn: Dr. Rainer Wehse (Reichertshausen), Jurymitglied

Der Gesonderte Förderpreis wird Janin Pisarek (Universität Jena; seit Anfang 2017 Keramikmuseum Bürgel) für ihre Masterarbeit 2016 „‘Wer hat Angst vorm bösen Wolf?‘ Wolf und Werwolf als Sagengestalten und im deutschen Volksglauben unter Einbezug der Rückkehr des Wolfes in Deutschland.“ verliehen.
Janin Pisarek greift ein derzeit in Westeuropa aktuelles und kontrovers diskutiertes Thema auf. Die Debatten zeugen von einer Faszination, die eine eigentümliche Mischung von Bedrohung, Angst und Lust am Wolf darstellt. Mit ihrer Untersuchung begibt sich Frau Pisarek auf die Suche nach den narrativen Vorläufern der Auseinandersetzungen mit dem Wolf und analysiert Mythen, Märchen und Sagen.
Für die Märchen-Stiftung Walter Kahn: Dr. Susanne Hose (Bautzen), Kuratoriumsmitglied

Hier geht es zum PDF-Download der Pressemitteilung.

Europäischer Märchenpreis 2017 für Dr.Nicole Belmont und Alice Joisten

Im Jahr 2017 werden zwei Französinnen mit dem Europäischen Märchenpreis der Märchen-Stiftung Walter Kahn geehrt:

Dr. Nicole Belmont (*20.11.1931)

studierte und promovierte bei dem großen Ethnologen Claude Lévi-Strauss und darf heute als führende Vertreterin der französischen Märchenforschung gelten. Sie war Forscherin am Laboratoire d‘ Anthropologie Sociale und lehrte an der Ecole Pratique des Hautes Etudes sowie in leitender Stelle an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales. Jahrzehntelang war sie eine der tragenden Säulen im Redaktionskomitee der Zeitschrift „Cahiers de littérature orale“. Sie gibt ferner die Reihe „Le Langage des contes“ heraus, in der Studien und Erzähltexte aus unterschiedlichen Kulturen veröffentlicht werden. Das wohl bedeutendste Buch aus Nicole Belmonts Feder, „Poétique du conte“ (1999), befasst sich mit der Poetik und Psychologie des Märchens und dem Verhältnis von Mythos und Märchen. Im Mittelpunkt von Belmonts Märcheninterpretationen stehen Kinderfiguren (z. B. der Däumling) und Mädchen (vgl. auch „Filles persécutées, filles mutilées, femmes“, 2001), ganz besonders auch weibliche und männliche Aschenputtelgestalten (vgl. auch „Sous la cendre“, 2007, mit E. Lemirre).
Belmonts Veröffentlichungen zur Wissenschaftsgeschichte (z. B. „Paroles païennes“, 1986; „Aux sources de l’ethnologie française“, 1995) geben Einblick in das Leben des Märchens in der traditionellen ländlichen Gesellschaft, die umfassenden französischen Sammelbewegungen und die Leistungen herausragender Sammler. Ein besonderes Verdienst kommt Nicole Belmont auch als einer Vermittlerin zwischen alter und neuer Erzählkunst zu, die ihr Wissen über traditionelle Erzählgemeinschaften im alten Frankreich und die mündliche und schriftliche Überlieferungsgeschichte des Märchens an die professionellen Erzählerinnen und Erzähler des sogenannten „Renouveau du conte“ und deren Publikum weitergibt.

Alice Joisten (*05.05.1930),

von Haus aus Musiklehrerin, hat das Werk ihres früh verstorbenen Ehemanns, des bedeutenden Sammlers Charles Joisten (1936–1981), in beispielhafter Weise und jahrelanger unermüdlicher Arbeit zugänglich gemacht. Charles Joisten hatte im französischen Alpenraum über drei Jahrzehnte hinweg Märchen und Sagen zusammengetragen. Nach seinem plötzlichen Tod begann Alice Joisten, diese zum größten Teil unveröffentlichten Aufzeichnungen zu digitalisieren und nach dem von Charles Joisten entwickelten geographischen und thematischen System zu ordnen; bis 2005 führte sie außerdem die von ihm gegründete, ethnologisch-linguistisch-historisch orientierte Zeitschrift „Le monde alpin et rhodanien“ weiter. 1996 begann die Publikationsphase der von Alice Joisten für die Nachwelt geretteten Materialien: Sie veröffentlichte den dritten Band der Märchen aus dem Dauphiné („Contes populaires du Dauphiné“, 1996), zwei Bände Märchen aus Savoyen („Contes populaires de Savoie“, 1999/2000) und fünf Bände Sagen („Etres fantastiques du Dauphiné“, 2005/2006/2007; „Etres fantastiques de Savoie“, 2009/2010; alle mit Motivklassifikationen von Nicolas Abry). Sie hat ferner Charles Joistens Studien über Hexen („Cinq figures de magiciens en Dauphiné et Savoie“, 1986) und Werwölfe („Les loups-garous en Savoie et Dauphiné“, 1992; zusammen mit dem Historiker Robert Chanaud) fertiggestellt sowie, z. T. in Zusammenarbeit mit Christian Abry, eine Reihe von Aufsätzen publiziert. Allein schon die Titel beschwören die geheimnisvoll-phantastischen und oft angstbesetzten Erzählwelten der traditionellen mündlichen Überlieferung des Alpenraums herauf. Hier nur eine kleine Auswahl, in Übersetzung zitiert: „Von den Parzen zu den Feen und anderen Wildgeistern“, 1982; „Teufels- und Hexenglauben im Tal von Freissinières“, 1987; „Das Gespräch böser Geister im Gebirge“, 1988; „Die schwarze Sage von der Alpe in Lens“, 1992; „Gargantua im Département Drôme“, 1992; „König Herodes als wilder Jäger in Savoyen und im Dauphiné“, 2001; „Melusines Kusinen in den Alpen“, 2002; „Mündliche Überlieferungen zum wandernden Juden im Dauphiné und Savoyen“, 2004.

Die Preisverleihung findet im Rahmen der Märchentage 2017 am 28. September 2017 um 18:00 Uhr im historischen Schelfenhaus in Volkach statt.

Pressemitteilung, August 2017

Hier geht es zum PDF-Download: Pressemitteilung

Märchenspiegel 2/2017

Inhalt des aktuellen Märchenspiegel – Heft 2/2017

BEITRÄGE

  • Tatjana Schmalz: Die guten Seiten der Hexe Baba Jaga
  • Rainer Wehse: Der Herr der Tiere
  • Andrey Trofimov: Der magische Text vor und „im Zeitalter seiner (technischen) Reproduzierbarkeit“
  • Svea Hundertmark: Glückliches Ende ohne Ende? – Zur Verarbeitung von Märchen in TV-Serien.

Porträts

  • Märchen aus Ton – Ulli Wittich-Großkurth im Portrait

BERICHTE

  • Janin Pisarek / Pauline Lörzer: Der Mond – Ein Märchen unter Sternen im Zeiss-Planetarium in Jena

Ankündigung Märchentage 2017

2017 widmet die Märchen-Stiftung Walter Kahn ihre alljährlichen MÄRCHENTAGE dem ThemaZwischen Arthaus und Traumfabrik: Der neue Märchenfilm und das neue Filmmärchen“.

Die Tagung findet vom 27. bis 29. September 2017 im Gästehaus der Abtei Münsterschwarzach statt.

„Märchen sind rebellierende und wache Geschichten, die ältesten utopischen Erzählungen“: Was der Philosoph Ernst Bloch einst über die Literaturgattung Märchen schrieb, ist auch für die Betrachtung des Märchenfilms ein Bezugspunkt. Denn dieses älteste Filmgenre, das in Georges Méliès einen seiner Väter fand, erzählt in immer wieder neuen Adaptionen und Formen Märchengeschichte(n) fort. Sei es als Reimport aus Hollywoods Traumfabrik, im Fernsehformat wie den ARD- und ZDF-Weihnachtsmärchen, im US-amerikanischen Mystery-Crime-Serienformat oder als Märchen-Parodie für TV oder Kinoleinwand. Diese kleine Auswahl zeigt, dass medial adaptierte Märchen – in welchen erzählerischen Transformationen auch immer – für verschiedene Zielgruppen konzipiert werden, unterschiedliche Medienformate bedienen, Erzählkonventionen und -schemata aufnehmen, hybridisieren und parodistisch brechen. Im Kontext der Tagung sollen neuere Verfilmungen von Literatur-, Medienwissenschaftlern und Filmschaffenden in den Blick genommen werden und auf die spezifischen Tradierungen und filmästhetischen Inszenierungen von Erzählstoffen bzw. märchenhaften Elementen in unterschiedlichen Medienformate hinterfragt werden.

Wir freuen uns auf zahlreiche, interessierte Teilnehmer.

Programm

Das vollständige Programm entnehmen Sie bitte dem Flyer zur Tagung.

Anmeldung

Anmeldungen sind bis zum 1. September 2017 an die Geschäftsstelle der Stiftung erbeten, gern auch per E-Mail an: maerchentage2017@maerchen-stiftung.de

Kursgebühr

240 € für Seminargebühr, Unterkunft und Verpflegung.
135 € für Seminargebühr und Verpflegung, ohne ÜN.
85 € für Studierende.

Veranstalter
Märchen-Stiftung Walter Kahn, Postfach 1130, 97326 Volkach,
Tel. +49 9381 5764490; Fax +49 9381 5764491

Organisation
Die inhaltliche Konzeption liegt bei Prof. Dr. Ute Dettmar und Dr. Claudia Maria Pecher vom Institut für Jugendbuchforschung der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt a. M. in Zusammenarbeit mit dem Kuratoriumsmitglied der Märchen-Stiftung Walter Kahn Prof Dr. Siegfried Becker vom Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft der Philipps-Universität Marburg.

Link zur Pressemitteilung.

Märchenspiegel 1/2017

Inhalt des aktuellen Märchenspiegel – Heft 1/2017

BEITRÄGE

  • Alfred Pointner: Der Müller von Flörsheim und die Mongolen
  • Florian Schütz: Wo die Kitsune heute wandeln – Ein Auszug von „Zauberfüchse zwischen Bits & Bytes“
  • Janin Pisarek: „All you can eat?“ – Von Nahrungstabus und Speiseverboten im Märchen
  • Siegfried Neumann: Volksnahrung in Mecklenburg. Essen und Trinken in der sprachlichen Volksüberlieferung einer norddeutschen Landschaft

BERICHTE

  • Ulrike Kehrer: Bericht über die Fachtagung „Märchen-Musik-Demenz“
  • Carmen Stumpf: Märchencafé für die ganze Familie

MELDUNGEN

  • Das „Märchenerzählen“ wird immaterielles Kulturerbe
  • Einladung zur Märchen-Ringvorlesung an der Universität Freiburg 2017
  • Nachruf auf Sigrid Früh

Bericht zu den Märchentagen 2016

„Es war einmal ein armes frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen. Da gieng das Kind hinaus in den Wald, und begegnete ihm da eine alte Frau, die wusste seinen Jammer schon und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollt es sagen »Töpfchen, koche«, so kochte es guten süßen Hirsebrei, und wenn es sagte »Töpfchen, steh«, so hörte es wieder auf zu kochen.“ (KHM 103, Der süße Brei)

Die Märchen-Stiftung Walter Kahn hat auch im Jahr 2016 wieder zu ihrer alljährlichen Tagung in Münsterschwarzach eingeladen. Diesmal standen die Tage, die ein enges Programm hatten, unter dem Thema Bratenwunder, süßer Brei – oder Menschenfresserei? Essen und Trinken im Märchen. Damit stellten sich die OrganisatorInnen Wienker-Piepho und Shojaei-Kawan ganz in die Tradition zu vorbereitenden Ausgaben des Märchenspiegels aus den Jahren 2015 und 2016. Wie das Motto zeigt, unter dem die ganze Veranstaltung stand, gibt es eine große Vielfalt an Speisenennungen- oder auch -wundern in den Volksmärchen aus aller Welt. Außerdem gehören dazu nicht nur Speisen in fester Form, sondern auch Getränke, bei denen die Grenze von Lebens- zu Genussmitteln nicht mehr weit ist. So gab es schon allerhand Aspekte für insgesamt neun Plenarvortrage, Arbeitsgemeinschaften und sogenannte Workshops, sowie für abendliches Erzählen und für das, was man „storytelling“ nennt. Der Gedankenaustausch machte wieder einmal bewusst, dass Märchen eben nicht nur deutsch oder europäisch sind, sondern durchaus global. So macht Komparatistik nicht nur Sinn. Hier erschien sie geradezu als Pflicht, den Horizont über die Grenzen Deutschlands oder Europas vergleichend zu erweitern und den Zuhörern damit neue Sicht- und Zugangsweisen zu eröffnen. Eigentlich eine Herkulesaufgabe!

Das Konzept wurde allerdings schon am ersten Tag ins Wanken gebracht, da es – krankheitsbeding – kurzfristig einige Ausfälle im Programm gab. So sprang die Nachwuchswissenschaftlerin Sarah Schurtzmann spontan ein, und trug ihre Überlegungen zu „Trunkenheit in den Märchen der Grimms“ vor. Diese kurzfristige Planänderung hat allerdings nichts an der Qualität der Tagung geändert. Im Gegenteil referierte die Jenaer Studentin souverän und auf hohem Niveau, und das Auditorium begleitete ihr Lampenfieber mit Sympathie. U.a. wies sie darauf hin, dass ein EM (Enzyklopädie des Märchens)–Artikel zum Thema Schnaps und Branntwein gänzlich fehle und dann erklärte sie dieses Fehlen plausibel. Auch die nächste Vortragende, Frau Dr. Köhler-Zülch konnte nicht persönlich erscheinen. Allerdings lag das Manuskript zu ihrem Vortrag vor. Es wurde verlesen – eine Bereicherung für die Hörer. Es ging um die conceptio magica, also um Schwangerschaft durch Speisen. Aufgezeigt wurden nicht nur verschiedene Varianten des Schwangerwerdens (z.B. durch das Essen von Blumen). Welche Kinder entstanden daraus? Entsprachen deren äußere und charakterliche Züge der Speise, die zur Schwangerschaft führte? Solche und ähnliche Fragen führten auch zu einer angeregten Diskussion unter den Zuhörern, wobei insbesondere die Genese im Mittelpunkt stand: Woher kommt dieses Motiv und warum hat es sich in vielen Kulturen so hartnäckig gehalten? – Die Erklärungen reichten von tiefverwurzelten Kinderwünschen als Elementargedanken in der Bevölkerung überhaupt, über die Rechtfertigung eines Kindes als Statussymbol und die Idee, dass es sich bei der übernatürlichen Empfängnis um eine Art Metapher für normale Befruchtung handeln könnte, also um eine Erklärung und gleichzeitige Nobilitierung des Kindes. Den realen Prozess der Zeugung mußte man nicht offen aushandeln.

Am zweiten Tag hat der Erzählforscher Neumann aus Rostock einen Vortrag gehalten, der einen stark regionalen Charakter aber auch biografischen Bezug für ihn als Feldforscher hatte. Neumann versuchte, die Essgewohnheiten der Bevölkerung Mecklenburg-Vorpommerns historisch aus regionalen Märchenoikotypen zu erklären. Dabei wurde er auch nicht müde, das mecklenburgische Platt als die „schönste Sprache der Welt“ zu bezeichnen. Vorbildlich differenzierte er nach verschiedenen Zeitperioden und sozialen Schichten.

Unsere Dozentin Sabine Wienker-Piepho (Univ. Jena/Freiburg/Zürich) wandte sich daraufhin dem Wein im Märchen zu, wobei Vielen wohl erstmals klar wurde, welch große Rolle dieser in vielen Märchen spielt. So ist es doch schon das Rotkäppchen, das seiner Großmutter Wein bringt. Auch hier erstreckten sich die Blicke wieder weit über die deutsche Grenze hinaus. So wurde festgestellt, dass auch im russischen Märchen der Wein das Getränk ist, das erstaunlich oft genannt wird, obwohl nach heutiger Vorstellung doch der Wodka das Nationalgetränk der Russen ist. Sogar in orientalischen Märchen wird Wein getrunken. Andererseits hat sich die christliche Idee der Eucharistie fast auf jede interpretatio christiana alter Märchenüberlieferungen ausgewirkt.

Eine gänzlich andere Art von Nahrung beleuchtete Pauline Lörzer, die in ihrem Vortrag die Welt der Nachzehrer, Vampire und auch Zombies näher betrachtete. Dabei stellt diese Form des Speisens aber keine Variante des Kannibalismus dar, denn der Verzehrende, der vielfach nach Teilen des menschlichen Körpers trachtet, soll nicht mehr seelisch, sondern nur noch körperlich anwesend sein. Auch der Schmatzende im Grabe gehört zu den Figuren, der nach historisch gar nicht so weit entfernter Vorstellung noch nach dem Tode weiteressen musste. Die Liste, wie man zu einer solchen seelenlosen, aber wieder auferstehenden Person werden konnte, ist ebenso vielfältig wie die, wie man sich vor diesen Gestalten schützte: Präventivmaßnahmen waren etwa das Begraben der Leiche mit dem Bauch nach unten, das feste Verschließen der Särge mit Schlössern, das Fixieren des Unterkiefers mit Brettern oder Bibeln unter dem Kinn, oder ein Stein im Mund des Toten. Maßnahmen zum Schutze vor Nachzehrern oder ähnlichen Gestalten gehörten zum kollektiven Wissen.           

Professor Frenschkowski vom Leipziger Institut für Neutestamentliche Wissenschaft hat vom Blickpunkt des Göttlichen aus, eine weitere Sicht auf das Essen im Märchen veranschaulicht. So ging es in seinem Vortrag um Speisewunder und Wunderspeisen, zu denen man ja eigentlich auch jene zählen könnte, die zu einer Schwangerschaft führen. In seinem Vortrag ging es insbesondere um Speisen der Götter, denn diese sind es, die sich damit das unendliche Leben einverleiben. Insgesamt warf Frenschkowski auf denkanregende Art und Weise mehr Fragen auf, als Antworten zu geben. Damit formulierte er gleichzeitig auch Desiderate. Zu diesen gehörte zum Beispiel die Frage, ob und was Engel essen, aber auch, woher die Speisen der Götter genau kommen. Doch scheint es tatsächlich die Speise zu sein, bei den griechischen und römischen Göttern also Nektar und Ambrosia, und nach taoistischer Vorstellung 9000 Jahre gereifte Pfirsiche, die den Göttern ihre Unsterblichkeit geben, die aber doch immer wieder erneuert werden muss. Weiterhin sprach Frenschkowski auch Speisetabus an, etwa, dass man in Andersreichen gar nichts essen sollte – das Beispiel der Persephone zeigt, dass man in Anders- und Jenseitswelten sonst dort (zumindest teilweise) gefangen blieb.

Wenn man aber über das Essen aus dem Grabe spricht, muss auch über Menschenfresserei gesprochen werden, was Jasmin Beer übernahm. Dabei verdeutlichte sie, dass Kannibalismus schon in Schöpfungsgeschichten – etwa in der griechischen Mythologie, der Mythen- und Sagenwelt der Aborigines und der Yanomami (indigenes Volk am Amazonas) eine bedeutende Rolle spielte (wichtig erschien dabei ihre Unterscheidung von Endo- und Exokannibalismus). Im zweiten Teil beschrieb Beer dann Anthropophagen in verschiedenen Volksmärchen; ein häufig auftretendes Motiv ist zum Beispiel der Oger, der (beinahe) seine eigenen Töchter isst. Darin erkannte sie eine deutlich wahrzunehmende „krasse“ Antagonie, nämlich die zwischen Held und Kannibalen. Sogar die schwierige Frage, wie man denn eigentlich zum Menschenfresser wird, wurde berührt. Dazu gehört etwa: Geburt, früher Genuss von Menschenfleisch (und spätere Sucht danach), Krankheit oder auch Verfluchung. Am Ende des Vortrages war aber eines ganz klar: Kannibalismus steht auch im Märchen immer unter starker Reglementierung.

Besonders ein Märchentyp darf aber nicht fehlen, wenn sich eine Märchentagung dem Thema Essen und Trinken im Märchen verschreibt, dabei handelt es sich um das Märchen vom Schlaraffen- bzw. Schlauraffenland. Diesem wandte sich Alfred Messerli zu. Er ging dabei methodenkritisch und aus historischer Sicht sowohl auf die kulinarische Variante Bechsteins ein, als auch auf die Lügen-Variante der Grimms.

Noch theoretischer wurde es mit einem brillant formulierten und mit aufschlußreichen Bildern versehenen Plenarvortrag von Prof. Harm-Peer Zimmermann aus Zürich. Er referierte über Lüthis philosophisches Märchenkonzept, insbesondere unter der Berücksichtigung von Aspekten seiner Ästhetik und Anthropologie. Dieser umfassende und sehr eindrucksvolle Vortrag führte die Gedankenwelt eines der wichtigsten Gelehrten der Erzählforschung vor, wobei insbesondere zum Ausdruck kam, was Zimmermann als Hyperregel bezeichnete: „Das Märchen ist ein hoch differenziertes Kontrastkunstwerk“. Dies zeige sich eben darin, dass es von Gegensätzen und Eigendynamik lebt.

Sicherlich hätte man noch mehrere Tage über Märchen- und Märchenelemente im Zusammenhang mit dem Thema Essen im Märchen referieren können. Dennoch würde ich sagen, dass die Märchen-Stiftung ihrer Herkulesaufgabe durchaus gerecht geworden ist und allen Zuhörern sehr wohl verschiedene Ansätze und Speisen sowie Getränke im Märchen gezeigt hat. Dabei hat sie auch angeregt weiter zu diskutieren und nach innovativen Ansätzen zu suchen.

Eben solche wurden auch bei der alljährlichen Preisverleihung geehrt. So erhielt Ute Hager den „Lutz-Röhrich-Preis“. Sie hatte sich in Ihrer studienabschließenden Arbeit dem Märchen unter einem geographischen Aspekt genähert. Florian Schütz wurde der „Gesonderte Förderpreis“ verliehen, der sich mit einem ganz modernen Bezug, nämlich den Videospielen und deren Märchenmotiven, der Erzählforschung annäherte. Durch diese Preisverleihung wurden die Zuhörer, gerade die Studierenden unter ihnen, nicht nur zu neuen Ansätzen angeregt. Mit der feierlichen Preisverleihung des Europäischen Märchenpreises an den weltberühmten Prof. Hermann Bausinger (Tübingen), der im Übrigen trotz seines hohen Alters auch an der Tagung im Volkachnahen Münsterschwarzach teilgenommen hatte, wurde uns Studierenden auch die Möglichkeit gegeben, sich durch das Nadelöhr der Märchen- und Erzählforschung mit Größen des Faches vertraut zu machen und so vielleicht auch Beziehungen zu knüpfen. Mehr noch: man konnte sich selbst einbringen und so beteiligen und diskutieren, ohne einen Vortrag zu halten.

Nachdem ich begonnen habe, wie die Märchentagung eröffnet wurde, möchte ich nun auch schließen, wie diese geschlossen wurde: Mit einem ganz herzlichen Dank an die Veranstalter, die diese Erfahrungen möglich gemacht haben.

Lisa Gersdorf, Studentin aus Jena (Volkskunde/Kulturgeschichte)

Märchenspiegel 4/2016

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Inhalt des aktuellen Märchenspiegels 4/2016

BEITRÄGE

  • Gundula Hubrich-Messow – Das Abendmahl der Sau – Einem Sagenmotiv
    auf der Spur
  • Paul-Wolfgang Wührl – Das Gastmahl auf dem Posilipp
  • Udo Reinhardt – Das ‚Potipharmotiv‘ – weit verbreitet in der Erzähltradition, doch auffallend selten in europäischen Märchen
  • Constanze Thum – Trolle und Riesen

AUSZEICHNUNGEN

Preisverleihung der Märchen-Stiftung Walter Kahn 2016 in Volkach

  • Sabine Wienker-Piepho – Laudatio auf den Preisträger
    des Europäischen Märchenpreises 2016, Prof. Dr. Hermann Bausinger
  • Helga Zitzlsperger – Laudatio auf die Preisträgerin
    des Lutz-Röhrich-Preises 2016, Ute Hager
  • Gundula Hubrich-Messow – Laudatio auf den Preisträger
    des Gesonderten Förderpreises 2016, Florian Schütz

BERICHTE

  • Lisa Gerstorf – Bericht von der Märchentagung 2016
    der Märchen-Stiftung Walter Kahn

Märchenspiegel 3/2016

Inhalt des Märchenspiegels

BEITRÄGE

  • Sabine Wienker-Piepho – Aschenputtel femizisstisch?
  • Janin Pisarek – Der Wolf im Kofferraum – Alte Ängste im neuen Gewand
  • Susanne Hose – Krabat. Kulturhistorische Forschungen zur Biographie eines sorbischen Märchenhelden
  • Wolfgang Kuhlmann – Das BIld des Vogels in den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm“

PORTRÄTS

  • Sabine Wienker-Piepho im Gespräch mit Elguja Dadunashvili
  • Märchenakademie – Sieben Fragen an ein integratives Bildungsprojekt
  • Geschichten rund um Walter Kahn

BERICHTE

  • Sigrid Maute – Rheinschloss wird zur Erzählerhochburg
  • Jana Raile – Erzählen über Flucht und Heimat
  • Kristin Wardetzky – Erzählen in Willkommensklassen
  • Hanna Dose – Spieglein an der Wand – Der Blick auf den Körper in Märchen und Sage

Lutz-Röhrich-Preis 2016 für Ute Hager, Gesonderter Förderpreis für Florian Schütz

Pressenotiz, September 2016

Der Lutz-Röhrich-Preis geht 2016 an Ute Hager (Universität Passau) für ihre Masterarbeit 2015 mit dem Titel „Mein Haus ist draußen im dunklen Wald. Eine literaturgeographische Betrachtung der Wälder und Bäume in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm.“
Seit jeher war der Wald – einschließlich einzelner Bäume – im Märchen ein Ort, in dem Verborgenes geschieht. Er ist ein Raum gleichermaßen des Grauens und der Gefahr wie auch wesentlicher Begegnungen, Bereicherungen und Wandlungen. Nach hinführenden Details zur Erfolgsgeschichte der Kinder- und Hausmärchen wendet sich die Verfasserin – und das macht das Besondere ihrer Masterarbeit aus – einer literaturgeographischen Betrachtung zu, indem sie an etwa sechzig Wald- und vierzig Baummärchen der KHM mit detaillierten Kategorien seltsame Waldbewohner, verschiedenste Ereignisse und Verhaltensweisen analysiert. Ihr neuer Ansatz liegt als ‚spatial turn‘ in den Kulturwissenschaften: Er stellt einen Paradigmenwechsel in den Kultur- und Sozialwissenschaften dar und behandelt in dieser Arbeit explizit den literarisch – geographischen Raum als kulturelle Größe, die über die realen Erscheinungen hinaus auch Ergebnisse sozialer Beziehungen thematisiert. Die theoretisch gut reflektierte Studie verrät Mut zu einem neuen Ansatz im Rahmen einer interdisziplinären Betrachtungsweise, die von spezifischen Gestalten und Wirkungen erzählt und damit einen interessanten Perspektivenwechsel ermöglicht.

Den Gesonderten Förderpreis erhält Florian Schütz (Universität Jena) für seine Masterarbeit 2014 mit dem Thema: „Zauberfüchse zwischen Bits und Bytes. Wie viel narratives Erbe steckt in Videospielen?“
Vermutlich macht sich kaum ein Nutzer von Videospielen Gedanken über den kulturellen Hintergrund der virtuellen Figuren. Auf der anderen Seite beäugt die traditionelle Erzählforschung dieses neue Terrain eher skeptisch. Diese beiden Enden bringt nun Florian Schütz in seiner Masterarbeit mit dem Thema: „Zauberfüchse zwischen Bits und Bytes. Wie viel narratives Erbe steckt in Videospielen?“ zusammen. Auf überzeugende Weise stellt er dar, was den singulären neunschwänzigen Fuchs aus einem Tiermärchen der Brüder Grimm mit seinen zahlreichen fernöstlichen Artgenossen verbindet, wofür der junge Volkskundler in diesem Jahr mit dem Gesonderten Förderpreis der Märchen-Stiftung Walter Kahn ausgezeichnet wird.

Hier geht es zum PDF-Download der Pressemitteilung.

 

Märchenspiegel 2/2016

2016-2 Cover

Inhalt des Märchenspiegels

BEITRÄGE

  • Tamara Dzhambekova – Märchen aus Tschetschenien
  • Urusla Weiher – Der alte Hirte – ein Wüstenmärchen
  • Sarah Schurtzmann – Trunkenheit im Märchen der Grimms
  • Udo Reinhardt – Vom Danaë-Mythos zum Märchen La Principessa del Sole
  • Sabine Wienker-Piepho – Sammeln, Retten und Bewahren? Feldforschung heute: Versuch einer kleinen Skizze

PORTRÄTS

  • Die Germanistin Ursula Heindrichs im Gespräch mit Janin Pisarek
  • Geschichten rund um Walter Kahn

BERICHTE

  • Das Projekt „Märchenerzählen lernen“
  • Die Kunst des Erzählens in Zeiten kultureller Vielfalt – Praxis und Theorie – zwei Symposien 2015–2016
  • Memorandum – Erzählen in der Schule
  • Memorandum – Erzählen in der kulturellen Kinder- und Jugendbildung

Europäischer Märchenpreis 2016 für Prof. Dr. Hermann Bausinger

Pressenotiz, April 2016
Prof. Dr. Hermann Bausinger (Tübingen) wird in diesem Jahr mit dem Europäischen Märchenpreis der Märchen-Stiftung Walter Kahn geehrt. Dieser Preis zeichnet eine lebenslange Leistung in Sachen Erzähl-und Märchenforschung aus und ist mit 5.000  € dotiert. Die Preisverleihung wird am 13. Oktober 2016 um 18:00 Uhr im historischen Schelfenhaus in Volkach einen festlichen Rahmen finden.

Der Preisträger ist weit über die Fachgrenzen hinaus bekannt. Als Germanist und Volkskundler waren seine wissenschaftlichen Anfänge auf der Nahtstelle zwischen diesen beiden Disziplinen angesiedelt. Gerade die Erzählforschung verdankt ihm überaus wichtige Bücher und größere Abhandlungen. Den Auftakt machte 1952 „Lebendiges Erzählen“, es folgten Studien wie „Formen der Volkspoesie“ (1968 ff.), „Redeweisen“ (1990), das „Buch der Märchen“ (1995), „Über das Hören“ (2. Aufl . 1998), oder „Märchen – Phantasie und Wirklichkeit“ (zuerst 1987).
Vielleicht noch wichtiger sind seine zahlreichen Aufsätze, etwa der zu „Aschenputtel“
oder unlängst ein weiterer zu „Märchen und Lüge“ (Schriftreihe Ringvorlesungen der Märchen-Stiftung Walter Kahn), sowie seine brillanten Beiträge zu vielen Festschriften. Bausingers Vorträge bei der Europäischen Märchengesellschaft (etwa die aus der Karlshafener Zeit) sind unvergessen. Auch außerhalb der Fachwelt haben seine Bücher große Erfolge und viele Neuaufl agen verzeichnen können, nicht zuletzt seine bahnbrechende Habilschrift „Volkskultur in der technischen Welt“ (1986).
Bausingers literaturwissenschaftliche Annäherungen an J.P. Hebel und F.T. Vischer sind längst Klassiker für die Generation der gegenwärtigen Germanistik-Studierenden (Kunst- versus Volksmärchen). Selbst wenn er alltagskulturanalytische Bestseller schrieb (wie 2011 „Wie ich Günther Jauch schaffte“, oder 2000 „Typisch deutsch“ und unlängst „Ergebnisgesellschaft“) sind das gleichsam Fußnoten zur historisch vergleichenden Erzählforschung. Bausinger hat eben nicht nur die Tübinger Schule der Empirischen Kulturwissenschaft begründet und überhaupt erst konzipiert, sondern immer auch die narrativen Genres und ihre Kontexte im Blick behalten.

Mit seiner Habilschrift Volkskultur in der technischen Welt leitete er einen Paradigmenwechsel zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Faches Volkskunde ein, einen „Abschied vom Volksleben“ und vom „Getümele“ mancher Heimat- und Brauchfanatiker. Er war der Erste, der für eine gegenwartsbezogene Alltagskulturforschung  plädierte, die auch das sog. alltägliche Erzählen einbezieht. Seine Schüler, unter ihnen etliche inzwischen Lehrstuhlinhaber an in- und ausländischen Universitäten, haben seine Anregungen aufgegriffen und weitertradiert. Bausinger gilt als einer der führenden Köpfe der deutschen Nachkriegsvolkskunde und ist als solcher nicht nur europa- sondern weltweit sehr renommiert. Gerade arbeitet der Unentwegte an seinem nächsten Buch…

Bausingers enge Bindung an die Erzählforschung zeigt sich auch in der jahrzehntelangen Mitherausgabe der berühmten Enzyklopädie des Märchens in Göttingen, für die er nicht weniger als 50 Artikel geschrieben hat (grundlegend etwa „Requisitverschiebung“, oder „Alltägliches Erzählen“). Unter seiner Ägide sind in Tübingen hervorragende studentische Abschlussarbeiten zur Märchenforschung geschrieben worden, einige wurden zum Lutz-Röhrich-Preis der Stiftung eingereicht. Er hat viele größere Preise bekommen: etwa den
Brüder-Grimm-Preis der Universität Marburg, den Ludwig-Uhland-Preis, den Justinus-Kerner-Preis und die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg.

PDF-Download: Pressemitteilung: Europäischer Märchenpreis 2016

Ankündigung Märchentage 2016

Bratenwunder, süßer Brei – oder Menschenfresserei?
Essen und Trinken im Märchen

vom 12. bis 14. Oktober 2016 in Münsterschwarzach

Foto: Bruegel, Gemälde, Das Schlaraffenland,1567

Essen und Trinken sind kulturtragende Kommunikationsformen. Man spricht darüber, man erzählt von kulinarischen Abenteuern in fernen Ländern, liebt oder verabscheut die Ethnoküche. Es gibt gerade beim Essen narrative Mechanismen, an denen Identitäten festgemacht werden, ja, das Sprechen über regionale oder nationale Spezialitäten gehört längst zu den Topoi unserer Alltagsrhetorik („managing ethnicity“). Aber nicht nur das: traditionelle Rezeptkenntnisse und Kochkünste werden von der UNESCO zum „cultural heritage“ erklärt!

Foto: Bruegel, Gemälde, Das Schlaraffenland,1567

Auch Märchen, Sagen, Schwänke, Lieder, Sprichwörter, Witze und besonders die sog. „modern urban legends“, haben Nahrungsaufnahme stets thematisiert, und gelten in diesem Sinne als kulinarische Kultur-Indikatoren. Entsprechend gelesen (oder gehört) –sagen sie viel aus über (historische) Ess- und Trinkgewohnheiten. Die Wahl des Themas war aber auch ein Sich-Verneigen vor der exquisiten Wein- und Esstradition an der Mainschleife. Kulturhistorisch ließe sich etwa fragen:

  • Was wurde wo gegessen?
  • Wie erträumte man sich die herrlichsten Mahlzeiten?
  • Woraus bestanden diese (Schlaraffenland-Utopien, die sog. „Bratenwunder“)?
  • Welche Bedeutung hatten Wein und Weinbau oder Bier und Bierbrauen? Was erzählt(e) man sich über Hunger und Durst?
  • Gab es Rituale oder Brauch-Bindungen (Hochzeitsessen, Leichenschmaus und Henkersmahlzeit)?
  • Welche Rolle spielte der Volks- oder Aberglauben?
  • Gibt es international vergleichbare Erzähltypen, Motive und Diskurse (Nahrungstabus, Vielfraß und Vieltrinker, Tischlein-deck-dich, Nahrungs-Vermehrungs-Wunder)?

Die Stiftung lädt in diesem Jahr zu einer besonders lustvollen Tagung ein. Wir freuen uns auf eine gemeinsame Diskussion dieser und weiterer Fragen.

Anmeldung

Anmeldungen sind bis zum 1. September 2016 per Briefpost, Fon, Fax oder E-Mail an die Geschäftsstellenadresse (maerchentage2016@maerchen-stiftung.de) erbeten.

Kursgebühr

230 € für Seminargebühr, Unterkunft und Verpflegung.
125 € für Seminargebühr und Verpflegung, ohne ÜN.

Veranstalter
Märchen-Stiftung Walter Kahn, Postfach 1130, 97326 Volkach,
Tel. +49 9381 5764490; Fax +49 9381 5764491

Organisation
Christine Shojaei Kawan & Sabine Wienker-Piepho

weitere Informationen und den Programmablauf entnehmen Sie bitte unserem Flyer.

 

Märchenspiegel 1/2016

2016-01 Cover

Inhalt des Märchenspiegels

BEITRÄGE

  • Janin Pisarek – Mehr als nur die Liebe zum Wassergeist – Das Motiv der ‚gestörten Mahrtenehe‘ in europäischen Volkserzählungen
  • Stefaan Top – „Es war einmal eine spanische Königin Fabiola…“ – Kunstmärchen für (erwachsene) Kinder in ´the Low Countries´
  • Rainer Wehse – Liebe, Eros und Sexualität in Schwank und Märchen

PORTRÄTS

  • Der Erzähler Martin Ellrodt im Gespräch mit Pauline Lörzer

BERICHTE

  • Prof. Dr. Elguja Dadunashvili – Märchen zwischen glühender Sonne und
    kühlem Wein – Eine Exkursion nach Georgien
  • Magie und Märchenzauber in der ESG
  • 8. Märchenfest am 24.01.2016 im Museum für Völkerkunde
  • Karola Graf, Gesine Kleinwächter, Kerstin Lauterbach – Märchenprojekt „Erzählkunst macht Schule – Sprachförderung in unterfränkischen Schulen“
  • Prof. Dr. Sabine Wienker-Piepho – Thüringer Märchen- und Sagenfest in Meiningen
  • Mit den Brüdern Grimm in Kasachstan
  • Von Wundern und Wegen – Flüchtlinge erzählen Geschichten

Einblick in die Projekte der Märchentage 2015

Die Märchentage 2015 zum Thema „Erzählen und kulturelle Bildung: Modelle – Konzepte – Utopien.“ haben wir erfolgreich hinter uns gebracht.

Hier geben wir nun einen Einblick in die Projekte, die während des Symposions in Münsterschwarzach vorgestellt wurden:

Projekt 1: ErzählZeit – Berlin
Projekt 2: ErzählZeit – Frankfurt/Main
Projekt 3: Wortschatz – Frankfurt/Main
Projekt 4: Einsteins Kinder – Aachen
Projekt 5: EZW – Freiburg
Projekt 6: Sprachwerk – Brandenburg
Projekt 7: „Lippe-erzählt“ – Lippe-Detmold
Projekt 8: Erzählwerkstatt – Stuttgart
Projekt „Mit Erzählen Schule machen“- Dr. Uta Hauck-Thum / Katharina Ritter:
– LMU München

Detaillierte Informationen zu den einzelnen Projekten können Sie den Projektbeschreibungen entnehmen.

Märchenspiegel 4/2015

Inhalt des Märchenspiegels

BEITRÄGE

  • Ron Schlesinger – Prinz Purpur, Diener Knickebein, Frau Schnatterich – Eine Klassifizierung von Figurennamen im deutschen Märchenfilm
  • Wolfgang Biesterfeld – Märchen und Fantasy – Über zwei Versuche, das Ramayana nachzuerzählen
  • Günter Harnisch – Wenn die Angst Gestalt annimmt
    Märchen als therapeutische Hilfe – am Beispiel des irischen Märchens vom Aufhocker
  • Rainer Drewes – Das Abenteuer im Walde – Ein Tiermärchen von Johannes Trojan

PORTRÄTS

  • Geschichten rund um Walter Kahn

BERICHTE

  • Christiane Gerber-Freund – Erzähler ohne Grenzen

AUSZEICHNUNGEN

  • Preisverleihung der Märchen-Stiftung Walter Kahn 2015
    in Münsterschwarzach

Der Lutz-Röhrich-Preis 2015 für Caroline Hennen, Anerkennungspreis für Annika Regina Nitschke

Pressenotiz vom 03.08.2015

Foto Hennen verkleinertDer Lutz-Röhrich-Preis geht in diesem Jahr an Caroline Hennen (Universität Bonn). Sie hat sich in ihrer Examensarbeit „Märchenraum als Raumpraktik“ mit der Raumerfahrung im Märchen auseinandergesetzt und untersucht darin, Diskurse eines spatial turn in den Kulturwissenschaften rezipierend, Michel de Certeau‘s Raumtheorie in der Märchenverfilmung „Snow White and the Huntsman“ – ein spannender Zugang, und die theoretische Rahmung ist mit hohem Anspruch und auf hohem Niveau eingelöst worden. Frau Hennen konnte hier ihre Studienfächer – Germanistik mit vergleichender Literatur- und Kulturwissenschaft sowie Kulturanthropologie/Volkskunde – produktiv verbinden und für eine sorgfältige medienwissenschaftliche Filmanalyse und reflexive raumtheoretische Deutung nutzen. Ihre Analyse kann überzeugen; es ist eine die Märchenforschung, nicht nur zu filmischen Märchenadaptionen, sondern auch darüber hinaus durchaus weiterführende Studie.

Bild_Annika Nitschke-Anerkenn.Preis 2015Den Anerkennungspreis erhält Annika Regina Nitschke (Universität Konstanz) für ihre Wissenschaftliche Arbeit mit dem Thema: „Und wenn sie nicht gestorben ist …
Die Schneewittchenfigur und ihre Adaptionen.“ In außergewöhnlich nuancierter Weise zeichnet Annika Nitschke ein Bild der Schneewittchenfigur in ihrer wechselnden Figurenkonstallation. Es gelingt der Verfasserin in einem historisch vergleichenden Vorgehen, im Sinne des Historikers Robert Darton in Märchentexten und deren filmischer Bearbeitung die Situation der Frauenfiguren als eine Art sozialhistorischer Quelle zu sehen, um auf diese Weise auf jeweils herrschende Vorstellungen von Weiblichkeit zu schließen – ein bemerkenswertes Vorgehen.

PDF-Download: Pressemitteilung LRP + ANK 2015

Pressemitteilung Märchentage 2015

Pressenotiz vom 08.05.2015

hier geht es zur Pressemitteilung Märchentage 2015

Die Märchen-Stiftung Walter Kahn veranstaltet anlässlich ihres 30-jährigen Jubiläums in Zusammenarbeit mit der Akademie Remscheid für Kulturelle Bildung e.V., dem Verein Erzählkunst e.V. und dem Verband der Erzählerinnen und Erzähler e.V. in Münsterschwarzach eine Tagung zum Thema »Erzählen und kulturelle Bildung – Modelle, Konzepte, Utopien.« Dies ist der Beginn eines Tagungszyklus, der vom 2. bis 4.
Mai 2016 an der Akademie Remscheid für Kulturelle Bildung e.V. fortgesetzt wird.

Seit ca. 10 Jahren gibt es deutschlandweit Langzeitprojekte an (Grund)Schulen und Kitas, in denen professionelle ErzählerInnen für mind. 1 Jahr internationale Märchen und Mythen frei erzählen – nicht vorlesen. Die ‚digital natives‘ hängen fasziniert an den Lippen der ErzählerInnen, die ohne jede medialen Hilfsmittel die abenteuerlichsten Geschichten in den Köpfen der Kinder entstehen lassen. Das ist ‚Kino im Kopf‘ – inszeniert allein über Sprache, Gesten, Mimik der ErzählerInnen. Die Rückmeldungen der PädagogInnen und die professionelle Evaluation dieser Projekte belegen auf eindrucksvolle Weise, wie sich durch das lebendige Erzählen der Sprachschatz der Kinder (vor allem der Kinder mit Migrationshintergrund) erweitert, wie sie Poesie als Schlüssel zur Welt erleben, wie ihre Phantasie und Kommunikationsfähigkeit wächst, wie sich Empathie, soziale Verantwortung und Selbstwertgefühl entwickeln.

Die Gestalter dieser Projekte werden ihre Erfahrungen während eines Doppel-Symposions diskutieren. Außerdem werden einschlägige wissenschaftliche Forschungsergebnisse vorgestellt. Ziel ist u.a. ein Memorandum an die Bildungspolitiker, um damit einen Anstoß zu geben, das Erzählen als unverzichtbaren Bestandteil der kulturellen Bildung im Schul- und Kita-Alltag und in der Ausbildung der PädagogInnen zu verankern.

Symposion I: 23.-25.09.2015 in Münsterschwarzach (gefördert durch die Märchen-Stiftung
Walter Kahn) zum Erzählen in Kita, Schule und Lehramtsausbildung
Symposion II: 02.-04.05.2016 Akademie Remscheid zum Erzählen im soziokulturellen Raum, speziell für Erwachsene

Das Symposion wendet sich an (Sozial)PädagogInnen, HochschullehrerInnen, ErzählerInnen, Bildungsträger, Fachleute und alle am Erzählen Interessierte.

Europäischer Märchenpreis 2015 für Prof. Dr. Kristin Wardetzky

kristin-wardetzkyPressenotiz vom 26.09.2014
Die 1942 geborene Wissenschaftlerin hat ihr Studium der Germanistik, Anglistik und Pädagogischen Psychologie in Jena und Leipzig absolviert. Von 1970 – 1991 wirkte sie als Theaterpädagogin am Theater der Freundschaft in Berlin, legte ihre Promotion an der Humboldt-Universität Berlin ab und wurde 1992 als Professorin an die Fachhochschule Darmstadt berufen; ab 1993 lehrte sie am Institut für Theaterpädagogik der UDK Berlin.

Kristin Wardetzky hat zahlreiche Veröffentlichungen zum Kinder- und Jugendtheater, zur Kinder- und Jugendliteratur sowie empirische und theoretische Untersuchungen zur kindlichen Märchenrezeption vorgelegt. Am 11. Februar 2015 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz für ihre umfangreiche wissenschaftliche Arbeit und ihren herausragenden, ehrenamtlichen Einsatz für die Verbreitung des künstlerischen Erzählens. Die Ehrung mit dem Europäischen Märchenpreis der Stiftung gilt vor allem ihrem engagierten Einsatz, die Grimm’schen Märchen, die Volksmärchen allgemein und klassische Erzählstoffe aus der europäischen Mythologie in ihrer Wirkungsmacht des Erzählens darzustellen.

Die Märchen-Stiftung Walter Kahn will nicht nur Grundlagenforschung fördern, sondern auch rezeptionsorientierte Forschung unterstützen. Dies ist ganz im Sinne des Stifters Walter Kahn. „Die letzte Bedeutung der Wissenschaft bestehe ja schließlich doch in ihrer Anwendung auf das Leben“ sagte Max Planck der Vossischen Zeitung. Kristin Wardetzkys Forschungen gelten der Rezeption von Märchen und der Frage “wie aus der Erkenntnis ein Gewinn“ wird (Peter Gruss, Max Planck Gesellschaft). In langfristig angelegten Schulprojekten in Berliner Brennpunktschulen („Sprachlos?“ und „ErzählZeit“) hat sie beeindruckend zeigen können, welche innovativen sprachfördernden, sprachbildenden und integrativen Kräfte, gerade auch für Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache, im lebendigen Erzählen, wirksam werden.

Der Europäische Märchenpreis wird in einem Festakt am 24. September 2015 im Rahmen der jährlich stattfindenden Märchentage der Märchen-Stiftung in Münsterschwarzach verliehen.

PDF-Download: Pressemitteilung EMP 2015

Ankündigung Märchentage 2015

23.-25.09.2015

Erzählen und kulturelle Bildung: Modelle – Konzepte – Utopien.

Im Rahmen des Symposions I (23. – 25.9.2015) wollen wir Projekte vorstellen und diskutieren, in denen professionelle ErzählerInnen mind. 1 Jahr lang in Kitas und Schulen internationale Märchen und Mythen erzählen und in denen das Erzählen in die universitäre Ausbildung aufgenommen wurde. Diese Langzeitprojekte – finanziert über unterschiedliche Modelle – haben auf faszinierende Weise gezeigt, wie das freie Erzählen die Sprachbildung der Kinder fördert, wie sich ihre Konzentrationsfähigkeit und ihre Phantasie entwickelt, wie ihr Selbstwertgefühl und ihre sozialen Fähigkeiten wachsen. Die Ergebnisse dieser Projekte sind überwältigend! Deshalb will das Symposion den Anstoß geben, das freie Erzählen als unerlässlichen Bestandteil in die Curricula von Bildungseinrichtungen und in die Ausbildung der PädagogInnen zu integrieren.

Anmeldungen sind bis zum 1. September 2015 per Briefpost, Telefon, Fax oder E-Mail an die Geschäftsstellenadresse (maerchentage2015@maerchen-stiftung.de) erbeten.

PDF-Download: Flyer zur Tagung

BITTE BEACHTEN SIE !!!!!!!!
Es sind leider auch Flyer im Umlauf, die versehentlich eine falsche IBAN enthalten.
Bitte nutzen Sie für die Überweisung der Kursgebühr ausschließlich die folgende
IBAN: DE78 7906 9001 0200 5061 33

Märchenillustrationsstipendium 2014 an Julia Beutling

Pressenotiz vom 22.9.2014

Seit 2014 konnte der Nachwuchspreis Illustration durch die Mediengruppe Pressedruck ausgebaut werden. Der Sonderpreis Märchenbilderbuch wird im Rahmen eines Stipendiums in Höhe von 1.250 Euro vergeben.

Die Überreichung des Nachwuchspreises Illustration sowie des Märchenstipendiums 2014, gestiftet von der Märchen-Stiftung Walter Kahn, findet am 8. Oktober 2014, ab 16:30 Uhr im Kinderbuchzentrum in Halle 3.0/ K 137 auf der Frankfurter Buchmesse mit musikalischem Empfang der Mark Trommler Band statt. Geladen sind alle Illustrations- und Bilderbuchfreunde. Das Stipendium wird in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Buchmesse und dem Börsenblatt für den deutschen Buchhandel vergeben.

Julia Beutling: Von den Fischer un siine Fru.
Bremen: Carl Schünemann Verlag 2013,
ISBN 978-3-944552-04-0.

Basierend auf dem plattdeutschen Text der Grimm’schen Erstausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“ von 1812 setzt Julia Beutling die immer maßloseren Wünsche der Fischersfrau ausdrucksstark ins Bild und
schafft einen kontrastreichen Spannungsbogen zu der anfangs noch lieblichen, dann immer bedrohlicher werdenden Landschaft, die sich zum furiosen Weltuntergangsszenario ausweitet. Das Ende jener parabolischen Erzählung ist gleichermaßen ein Anfang, den die Künstlerin auf sehr eigene Weise zu interpretieren versteht – panta rhei! („Alles fließt!“).

Julia Beutling wurde am 26.12.1986 in Berlin geboren. Sie studierte von 2007 bis 2014 an der Kunsthochschule Berlin Weißensee. Ihr Studium der Visuellen Kommunikation beendete sie mit Diplomarbeiten über Tierversuche und vegane Bildkommunikation. Seit 2011 arbeitet sie als freiberufliche Illustratorin und Grafikerin für den Carl Schünemann Verlag, die Zeitschrift
cinearte XL, den Schacks Verlag, Fixpunkt e.V. und das Naturerbe Zentrum Rügen. Ihre Vorliebe gilt dem nachhaltigen Erzählen ökologischer und sozialer Themen in Bildern.
(www.juliabeutling.de)